Thomas Kistner: Fifa-Mafia von Michael Ebmeyer David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Eli Pariser: Filter Bubble Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 03:15

 

Alexander Kluge: Sämtliche Kinofilme

21.06.2007

Rothschild's DVD-Tipp:

Deutschlands Godard

Alexander Kluges Filme sind ein glänzendes Beispiel für die Symbiose von politischer und ästhetischer Progressivität.

 

Wenn von Doppelbegabungen die Rede ist, denkt man gemeinhin an Schriftsteller, die auch malen, oder an bildende Künstler, die auch schreiben. Im 20. Jahrhundert aber hat sich eine andere Doppelbegabung als besonders anregend erwiesen, wenngleich sie nicht allzu häufig vorkommt: die Begabung als Schriftsteller und als Filmemacher. Jean Cocteau mag einem einfallen, Pier Paolo Pasolini und der Deutsche Alexander Kluge. Sie alle gehören sowohl auf dem Gebiet der Literatur wie auf dem des Films keineswegs zu den marginalen Persönlichkeiten, sondern zu den Großmeistern der Kunstform, deren Geschichte sie maßgeblich mitgestaltet haben. Dass Alexander Kluge darüber hinaus ein außergewöhnlicher Fernsehproduzent und Interviewer ist, sei hier nur beiläufig erwähnt. Wichtiger erscheinen – und das schließt seine Tätigkeit im Fernsehen mit ein – seine universale Bildung und seine unbestechliche Intellektualität. Das blödsinnige Vorurteil, dass Kunst und Intellekt einander im Wege stünden, wird von Alexander Kluge mit jedem seiner Bücher eindringlich widerlegt. Dass er auch als Filmemacher der weitaus intellektuellste unter den deutschen Kollegen seiner Generation ist, die angetreten war, um Opas totem Kino eine Alternative entgegenzusetzen, dass er wohl als Einziger hierzulande beanspruchen könnte, an Godard gemessen zu werden, mag wohl auch die Erklärung dafür liefern, dass seine Popularität begrenzt blieb und selbst das Bildungsbürgertum seine Filme gern mit dem lächelnden Hinweis ablehnt, im Kino wolle es sich doch lieber unterhalten als zum Denken aufgefordert werden.

Alexander Kluges Filme sind zudem ein glänzendes Beispiel für die Symbiose von politischer und ästhetischer Progressivität. Nicht immer treten sie gemeinsam auf. Man kennt die Argumente jener mit der Arbeiterbewegung sympathisierenden Künstler, die der Verständlichkeit gegenüber der Suche nach einer unverbrauchten Formsprache den Vorzug geben; man kennt Avantgardisten des künstlerischen Ausdrucks, die ideologisch der Rechten, ja den Faschisten zuneigten. Eine notwendige Einheit von fortschrittlichen Ansichten und fortschrittlicher Ästhetik gibt es nicht.
Alexander Kluge aber hat sich mit seinen Filmen thematisch wie in der Wahl seiner Mittel stets auf der Höhe der Zeit befunden, war ihr gar um einige Schritte voraus. Dazu gehört nur scheinbar paradox Kluges intensives Interesse für Geschichte. Fast alle seine Filme sind Recherchen zur Geschichte im weiteren Sinne und zur Geschichte des Mediums selbst. Kein anderer deutscher Regisseur der Nachkriegszeit war sich der Bedeutung und der Möglichkeiten der Montage so bewusst wie Alexander Kluge, kein zweiter hat sie so konsequent gegen die Sehfaulheit des Mainstreams eingesetzt wie er.

Der Versand Zweitausendeins ist immer noch für Überraschungen gut. Auf acht Doppel-DVDs hat er alle sechzehn Kinofilme Kluges in eine Box geklemmt, dazu ein gebundenes Album. „Abschied von gestern“ und „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ und „Die Patriotin“ – da sind sie beisammen, jene Filme, die für uns Ältere seinerzeit ein aufregendes Erlebnis bedeutet haben, deren Titel sprichwörtlich wurden, die heute, retrospektiv, dokumentieren, was die 68er beschäftigt hat, wie sie ihre Gegenwart erfahren haben, und ganz nebenbei: was für eine großartige Schauspielerin Hannelore Hoger ist. Niemand hat ihr den Nachweis erfolgreicher abverlangt als Alexander Kluge.
Die Kassette enthält auch die Omnibusfilme, an denen Kluge sich beteiligt hat, „Deutschland im Herbst“, „Der Kandidat“ und „Krieg und Frieden“, sowie zahlreiche Kurzfilme und Textmaterialen. Mit einem Preis von 99 Euro, also 6,20 pro DVD oder weniger als 2 Euro pro Film ist dies ein geradezu sensationelles Angebot, das einen ins Grübeln geraten lässt über die Preisgestaltung von anderen Editionen klassischer Filme.

Thomas Rothschild


Alexander Kluge: Sämtliche Kinofilme 1961 bis 2007.
16 DVD, 2.053 Minuten. Bonus-DVD & 116-Seiten-Beibuch im Schuber. Zweitausendeins, 20062.

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Mathias Tretter möchte nicht dein Freund sein - Tourplan 2012

»Kabarettisten sind von der schnellen Truppe, zumal solche wie Tretter, die nicht dem allfälligen Comedy-Genre anhängen, sondern richtiges, politisches Kabarett machen ...« ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...