Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) Eli Pariser: Filter Bubble Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 03:15

 

Das 31. Filmfestival in Montréal

06.09.2007

Ein langsamer Tod

Vom 31.
Festival des Films du Monde in Montréal berichtet Thomas Rothschild für das titel-Magazin.

Den Hauptpreis teilen sich
Ben X und Ein Geheimnis. Auch der Publikumspreis ging an Ben X. Der Film steckt voll von Überraschungen und vermeidet didaktische Besserwisserei ebenso wie jugendtümelnde Anbiederung an aktuelle Moden. Der Film ist, wie sein Held, selbst ein Außenseiter und hat das Zeug für eine Karriere, nicht nur bei Festivals.

 

Eins der bekanntesten russischen Gedichte stammt von Konstantin Simonov. Es beginnt so: „Wart’ auf mich, ich komm zurück,/ warte nur recht sehr.“ Es formulierte die kollektive Sehnsucht der Soldaten, die gegen Hitler in den Krieg gezogen waren.

Die Wirklichkeit freilich war nicht immer romantisch. Für die Amerikaner hat William Wyler sie in seinem Film The Best Years Of Our Lives paradigmatisch auf die Leinwand gebracht. In Russland hat nun Ivan Solovljov Andrej Platonovs Erzählung Die Heimkehr aus dem Jahr 1945 unter dem Titel Der Vater verfilmt. Er liefert ein kaum geschöntes Bild von den Turbulenzen, die der Krieg auch im privaten Bereich verursacht hat. Der Film ist auf eine sympathische Weise altmodisch. Er besitzt die Qualitäten der besseren sowjetischen Literaturverfilmungen: eine sorgfältige Inszenierung und die psychologische Arbeit mit Schauspielern nach den Vorgaben Stanislavskijs.

In seiner Einleitung vor dem Premierenpublikum sagte der Regisseur, Hemingway habe Platonov in einem Interview für den Nobelpreis vorgeschlagen. In der französischen Übersetzung hieß es dann, Platonov habe Heminway beeinflusst, in der englischen Version schließlich, Hemingway habe Platonov übersetzt. So funktioniert „Stille Post“. Das ist weiter nicht schlimm. Ärgerlicher ist schon, dass die zweisprachige Untertitelung, die bislang beim Filmfestival in Montréal Standard war, diesmal des Öfteren fehlte. Das war nur eine von mehreren Pannen.

Eine tragische Geschichte

Wann ist ein Film gut? Wenn man vergisst, dass man eigentlich auf die Toilette musste. Diesmal musste ich häufig auf die Toilette.

Eigentlich ist es eine tragische Geschichte. Über Jahrzehnte hinweg war das Festival des Films du Monde (World Film Festival) in Montréal das wichtigste und größte Filmfestival Nordamerikas. Mittlerweile scheint es einen langsamen Tod zu sterben. Das mag auch am Gründer Serge Losique liegen, der – wie viele Festivalleiter – ein Egomane mit diktatorischen Anwandlungen ist. Ausschlaggebend aber sind Intrigen einer das Geschäft keineswegs belebenden Konkurrenz, die beweisen, welchen Schaden auch Verlierer noch anrichten können. Dass der Geschädigte selbst schuld sei, ist ja eine beliebte Schutzbehauptung all derer, die von ihren Gemeinheiten ablenken wollen, und auch derer, die diese Gemeinheiten opportunistisch gedeckt haben. Mit Hilfe von Moritz de Hadeln stampfte man vor zwei Jahren am Ort ein neues Festival aus dem Boden. Es wurde zum Debakel, aber die Blessuren, die das Unternehmen dem traditionellen Weltfilmfestival zugefügt hat, sind nicht verheilt. Dazu kommen die ewigen Sticheleien des Filmfestivals von Toronto, das im Gegensatz zu Montréal vorwiegend auf die USA ausgerichtet ist und nach und nach unverzichtbare Sponsoren abwerben konnte, denen sich, wer sich mit ihnen einlässt, auf Gedeih und Verderb ausliefert.

Losique ist ein sturer Hund. Allen Anfechtungen zum Trotz hat er sein Festival über die 30. Folge im Vorjahr hinaus gerettet. Aber was es einmal war, ist es nicht mehr. Es fehlt der Elan, die Begeisterung und vor allem das Geld. Wie man über Zuschüsse Kulturpolitik macht, hat bereits vor mehr als einem Jahrzehnt der zuständige Wiener Minister vorgeführt, als er die Österreichischen Filmtage bildlich und deren Leiter Reinhard Pyrker buchstäblich in den Tod trieb zugunsten der zunächst wie de Hadelns Putschversuch glücklosen Diagonale. Mit dem zeitlichen Abstand wird selbst den dämlichsten Verteidigern solcher Aktionen klar, dass die „Gründe“, mit denen man Institutionen und Menschen kaputt macht, bloß Vorwände sind. Für die Betroffenen freilich kommen die Einsichten und die wohlfeilen Worte des Bedauerns stets zu spät.

Die Katze beißt sich in den Schwanz. Wo man Festivals schlecht redet, bekommen sie kaum noch gute Filme und werden so schlecht, wie es die „selffullfilling prophecy“ vorausgesagt hat. Montréal zeigt immer noch viele Filme, aber die Leckerbissen muss man sich mühsam herauspicken, und nicht immer war das Publikum dazu bereit.

Zu den Leckerbissen gehörte, neben manchem Beitrag unterhalb des Mittelmaßes, im Wettbewerb Nic Balthazars Debütfilm Ben X. Diese belgisch-niederländische Koproduktion bringt zwei vertraute Sujets auf einen Nennen und kreiert für sie die überzeugend adäquate Bildsprache: die Geschichte vom hochintelligenten Borderline-Außenseiter, der von seinen Mitschülern gedemütigt und gequält wird, und die Geschichte von der Wahrnehmung der Welt als Computerspiel. Ben X steckt voll von Überraschungen und vermeidet didaktische Besserwisserei ebenso wie jugendtümelnde Anbiederung an aktuelle Moden. Der Film ist, wie sein Held, selbst ein Außenseiter und hat das Zeug für eine Karriere, nicht nur bei Festivals.

Ohnedies ist der Erfolg von Filmen und Romanen über missverstandene, aber hochbegabte Kinder vorprogrammiert. Das Rezept hat Alice Miller geliefert. Jede Zuschauerin und Leserin, jeder Zuschauer und Leser schmeichelt sich mit der (meist irrigen) Annahme, hochbegabt zu sein. Das verstärkt das Identifikationspotenzial von schrulligen Jugendlichen.

In der Bildsprache konventioneller als Ben X, besticht die portugiesisch-brasilianische Koproduktion A outra margem (Die andere Seite) von Luís Filipe Rocha durch ihre Ernsthaftigkeit, den Verzicht auf Geschwätzigkeit und, wie der russische Beitrag, durch Schauspielkunst. Im Zentrum stehen ein Junge mit Down-Syndrom und sein homosexueller o­nkel. Filme dieser Art werden gern als „humanistisch“ bezeichnet. Welche Diagnose soll man freilich einer Gesellschaft ausstellen, die man darüber belehren muss, dass Behinderte und Homosexuelle Menschen sind „wie wir“? Dass man Hunde nicht treten und Katzen nicht den Schwanz abschneiden soll, wird in Filmen seltener thematisiert. Offenbar ist das selbstverständlicher als ein liebevoller Umgang mit Menschen, deren Verhalten nicht den üblichen Normen entspricht.

Die unverhältnismäßige Trauer über den Tod eines Hundes im Vergleich zu jener über die Ermordung von Frau und Kind spielt auch eine Rolle in Claude Millers neuem Film Un secret (Ein Geheimnis). Der Film setzt jene Tradition fort, die Louis Malles mit Au revoir les enfants begründet hat. Miller beherrscht sein Handwerk. Aber der fast zu glatte Film geht in die Falle, die Autobiographien jenen stellen, die sie adaptieren: die zufälligen und nicht sonderlich interessanten Details der Privatgeschichte schieben sich gegenüber dem verallgemeinerbaren Zeitbild in den Vordergrund. Eine gut konstruierte Erfindung ist eben in den Künsten doch effektiver als die Wahrheit.

Moral statt ästhetisches Vermögen

Kann ein rassistischer Film ein Kunstwerk sein? Wenn man „Kunst“ als ästhetische und nicht als ethische oder politische Kategorie definiert, durchaus. Birth of a Nation von D.W. Griffith oder John Fords Western sind zweifellos rassistisch. Zugleich aber haben sie die formalen Möglichkeiten des Films erweitert und ihre Faszination bis heute bewahrt. Umgekehrt macht eine ehrenwerte Gesinnung einen Film noch nicht zum Kunstwerk. In Montréal häuften sich Filme, deren ästhetisches Vermögen weit hinter der politischen Moral zurückbleibt. Ein Paradebeispiel dafür war im Wettbewerb Spinning Into Butter von Mark Brokaw. Die Ästhetik amerikanischer Vorabendserien – eine klischeehafte Dramaturgie, papierene Dialoge, chargierende Schauspieler – desavouiert auch die antirassistische Botschaft. Diese Nachbarschaft jedenfalls hat Claude Millers Geheimnis nicht verdient.

Ben X, Die andere Seite, Der Vater, auch Ein Geheimnis – das sind Spielarten einer europäischen Filmkultur, die sich der (ökonomischen) Übermacht Hollywoods erwehren muss. Montréal war dafür eine Bastion auf dem nordamerikanischen Halbkontinent. Es wäre ein Verlust, wenn auch diese Bastion fiele.

Preise sind bei Festivals meist Ergebnisse von Kompromissen zwischen sehr verschiedenen Temperamenten, oft deren kleinster gemeinsamer Nenner. Diesmal freilich war ein Sieger voraussehbar. Den Hauptpreis teilen sich Ben X und Ein Geheimnis. Auch der Publikumspreis ging an Ben X. Die unvermeidliche ökumenische Jury, die in Wahrheit eine katholisch-protestantische Jury ist – orthodoxe Christen sind in ihr nicht vertreten –, vergab ihren Preis ebenfalls an Ben X und begründete ihre einmütige Entscheidung in fünffachem Anlauf mit dessen religiösen Werten. Da war vom Leidensweg Christi die Rede, von der Auferstehung und von Jesus als Vorbild der Gewaltlosigkeit, bis Nic Balthazar den verdutzten Juroren gestand, dass er mit Gott und der Religion nie etwas im Sinn gehabt habe. In Jesus sieht er lediglich die geschundene Kreatur. Was tut’s? Die Kirchen gemeinden sich einen blitzgescheiten Film ein und ehren sich selbst, indem sie den gründlich missverstandenen Regisseur zu ehren vorgeben.

Fragt man danach, worin die besondere Zuständigkeit der Kirchen für Film und erst recht deren Kompetenz für Fragen der Moral bestehe, erntet man stets nur Empörung, erhält aber keine befriedigende Antwort. Nur wer das Faktische mit dem Notwendigen verwechselt, kann es als selbstverständlich hinnehmen, dass die ideologischen Vertreter des Vatikans, der beispielsweise die Unterstützung der Todesschwadronen in Lateinamerika deckte, und Luthers, der zur Erschlagung der aufständischen Bauern aufrief, auf zahlreichen Filmfestivals Flagge zeigen und über gut und böse richten dürfen, Muslime aber oder Buddhisten oder gar Agnostiker dort niemals mit einer eigenen Jury präsent sind. Weil ihnen für dotierte Preise das Geld fehlt? Ja wie kommt das bloß...

Kaum war die ökumenische Ehrung für einen Film über einen Autisten, kaum war das Gerede über humanistische, ethische und spirituelle Werte vorbei, beeilte man sich, eine offenbar schizophrene, aber harmlose Frau, die ihr Leid beklagte, vom Ort des Geschehens zu entfernen. Was man im Film ergreifend findet, will man im wirklichen Leben nicht sehen und hören. Da hat die christliche Nächstenliebe ihre Grenzen.

Thomas Rothschild

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Mathias Tretter möchte nicht dein Freund sein - Tourplan 2012

»Kabarettisten sind von der schnellen Truppe, zumal solche wie Tretter, die nicht dem allfälligen Comedy-Genre anhängen, sondern richtiges, politisches Kabarett machen ...« ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...