Perm, heißt es, liegt am Ural. Kommt man jedoch in der 1723 gegründeten Stadt im äußersten Osten Europas an, deren Straßen wie jene von Manhattan, Mannheim oder Ludwigsburg in gerader Linie von Norden nach Süden und von Osten nach Westen sich erstrecken, sieht man weit und breit keine Berge. Der Ural, so erfährt man, ist zweihundert Kilometer entfernt. In Russland erscheint alles anders, das Land ist groß, alles ist so weit wie die Demokratie, die man vor zwei Jahrzehnten einzuführen versprach.
In Perm hat man die Karl-Marx-Straße umbenannt, aber es gibt eine Kommunistische und eine Bolschewistische Straße, eine Lenin- und eine Kirov-Straße, eine Sowjetische Straße und eine Komsomol-Allee. Das sei eben Teil der russischen Geschichte, wird einem erklärt. Hinzugekommen ist die rasch wachsende Kluft zwischen einer neuen Bourgeoisie und einer Armut, wie man sie sonst nur in der so genannten Dritten Welt kennt.
Hier in Perm haben regionale Filmemacher im Jahr 1995 die Flahertiana gegründet, ein Dokumentarfilmfestival, das sich den Namen des berühmten Pioniers des Genres wählte, um damit eine Alternative zum Nationalheiligen des Dokumentarfilms, zu Dovschenko, zu markieren. Filme werden hier gezeigt, die, nach dem Muster von Nanook der Eskimo (Nanook of the North) dem Schema des Lebenslaufes folgen, in denen also „ein zentraler Charakter einen Teil seines Lebens auf der Leinwand lebt, vom Autor nach den Gesetzen der dramatischen Kunst arrangiert“. Seit 2006 findet das Festival im jährlichen Rhythmus statt, unter zunehmend internationaler Beteiligung.
Das Wunder des Dokumentarfilms besteht darin, dass er unser Interesse und unsere Empathie für Menschen zu wecken vermag, die wir im wirklichen Leben nicht wahrnehmen, denen wir ansonsten kaum zuhören. Der ethnographische Film bringt uns Kulturen und Kollektive näher, die uns exotisch erscheinen – etwa die Nenzen in Edgar Bartenevs Japtik-Hese, die letzten zwei Juden von Afghanistan in Kabale in Kabul von Dan Alexe, weibliche Selbstmordterroristen aus Sri Lanka in Meine Tochter die Terroristin, eine in London lebende junge Frau aus Bangladesh, die von ihrer Familie zwangsverheiratet werden soll, oder, in Tahani Racheds Diese Mädchen, Mädchen, die in Kairo auf der Straße leben.
Nicht glatte Oberfläche, nicht technische Perfektion macht die Qualität eines Dokumentarfilms aus, sondern die Genauigkeit des Blicks. Der schönste Film des diesjährigen Wettbewerbs bei der Flahertiana heißt Olga und Zeit und ist, was einen Zuschauer empörte, schwarz-weiß. Geduldig folgt der Autor und Kameramann Manuele Cecconello der Arbeit von Olga, die in einem entlegenen Gehöft im Piemont Käse zubereitet. Es überwiegen Großaufnahmen, der Film verzichtet auf Dialog und Kommentar, die Bilder sprechen für sich wie in den besten Stummfilmen. Ob es nötig war, diesen Ansichten durch die Musik von Alfred Schnittke und vor allem von Arvo Pärt einen religiösen (der Regisseur sagte: sakralen) Charakter zu verleihen, sei dahingestellt. Große Kunst fesselt auch dann, wenn ihre Ideologie fragwürdig erscheint.
Formal fiel auch Esperando a la Virgen von Vincent Martorana auf. Während die Geschichte einer enttäuschten homosexuellen Liebe erzählt wird, die im Selbstmord endet, sieht man die Bilder einer Wallfahrt zur Jungfrau von Guadalupe, von der sich der verlassene Liebhaber die Rückkehr seines Freundes erhofft. Auch hier hat die Musik, ein Wechsel von lateinamerikanischer Folklore und Pergolesis Stabat mater, erheblichen Anteil an der Wirkung.
Ein Glücksfall scheint es stets zu sein, wenn in individuellen Geschichten allgemeinere Wahrheiten sichtbar werden. So zeigt uns Meine Träume lügen nie von Didier Cros das Schicksal eines Afghanen, der eine Aufenthaltsgenehmigung in Paris anstrebt, und zugleich eins der großen Themen unserer Zeit: die Tragödie des Exils. Auch Harald Friedl präsentiert in seinem Film Aus der Zeit auf der ersten Ebene vier Geschichten von Ladenbesitzern, mit deren „Ruhestand“ zugleich ihr Gewerbe zu einem Ende zu kommen scheint, auf einer zweiten Ebene aber die rückwärtsgewandte Utopie einer unentfremdeten Arbeit, einer menschlichen Kommunikation diesseits globalisierter Effektivitätskalküle.
Am erfolgreichsten war ein Film von lediglich zehn Minuten Dauer. Tolja von Rodeon Brodsky stellt einen russischen Gastarbeiter in Israel vor, der zum Internationalen Frauentag seiner Natascha übers Telefon gratulieren möchte. Das scheitert daran, dass er gerade seine Zähne verloren hat. Schließlich findet er eine Lösung: er miaut liebevoll in den Hörer. Seine Frau versteht die Botschaft.
Der Regisseur ist gerade 26 Jahre alt, der Film seine Arbeit im dritten Studienjahr. Er ist nicht mehr als eine Anekdote, lebt von der Pointe. Er beweist, dass ein Kurzfilm nicht weniger bedeutend sein muss als ein langer Film. Und er belebt erneut die alte Diskussion über Inszenierung im Dokumentarfilm. Wenn man freilich „dokumentarisch“ in dem Sinne definiert, dass der Protagonist keine Rolle, sondern sich selbst spielt, ist Tolja ohne Zweifel ein Dokumentarfilm. Und eine ungestellte Wahrheit kann es im Film ohnedies nicht geben.
Thomas Rothschild