Das 56. Int. Filmfestival Mannheim/Heidelberg
23.10.2007
Vom Kosovo nach Oslo
Es ist immer wieder beglückend dadurch zu erfahren, wie reich an Themen und Ästhetiken das Kino der Welt ist - und schmerzhaft, zu wissen, dass kaum einer der in Mannheim zu sehen gewesenen Filme in unsere Kinos oder ins Fernsehen kommen; auch auf DVD wird man sie nicht wiedersehen: ein Feuerwerk an inspirierter Filmkunst, das danach verlöscht und allenfalls im Gedächtnis der Zuschauer verblassende Spuren hinterlässt.
Weil das im Zentrum Mannheims liegende “Stadthaus”, der Hauptaustragungsort des Internationalen Filmfestivals, langfristig saniert wird, entschied sich der Festivalleiter Michael Kötz für einen radikalen Orts-& Zeitwechsel. Er verlegte den Termin vom kalten November in den spätherbstlichen Oktober, und er ließ eine weiträumige Zeltstadt mit zwei 1200 Plätze fassenden Kinos im Mannheimer Stadtteil Lindenhof, am schönen Rheinufer, errichten. Der bislang auch vielen Mannheim-Besuchern gänzlich unbekannte, weil jenseits des Bahnhofs gelegene, nur zu Fuß oder mit einem Shuttle zu erreichende periphere Spielort gab dem Festival, dank eines weitgehend milden, sonnigen Herbstes, den man zwischen den Vorführungen in Liegestühlen unter mediterranem Licht und mit dem Blick auf die vorüberziehenden Rheinschiffe genießen konnte, auf Anhieb eine ganz andere ästhetische Anmutung: die eines luftigen Zeltlagers, dessen Weiträumigkeit wohl etwas überdimensioniert war und in Zukunft kleiner gehalten werden dürfte, um intimer zu werden.
Wahrscheinlich wird sich diese Mannheimer Dezentralisierung erst einmal in einer Verminderung der Besucherzahlen niederschlagen, bis sich der fabelhafte Standort-Wechsel eingebürgert hat; in Heidelberg, dem anderen Spielort, dürfte das nicht der Fall sein, weil Kötz dort sein Showsteller-Zelt mitten auf dem Marktplatz aufschlagen & einen Springbrunnen integrieren konnte.
Aber der ebenso mutige wie gewiefte Autorenkino-Enthusiast Michael Kötz, der schon seit drei Jahren sein deutsches Sommerfilmfestival auf einer Ludwigsburger Rheininsel fest etabliert hat, hatte diesmal dem Internationalen Filmfestival eine zweitägige Veranstaltung vorgeschaltet, auf der ein von ihm neu geschaffener “Filmkunstpreis für Fernsehen in Deutschland” an Regisseure, Produzenten und Redakteure vergeben wurde - jedoch unter weitgehender Absenz des Publikums. Da wird man sich noch etwas einfallen lassen müssen, damit der Funke überspringt. Auch die Übertitelung aller Filme (die ja mit englischen Untertiteln laufen), wird sich noch verbessern müssen, um noch mehr ältere Zuschauer anzulocken, deren Präsenz dem Kino wieder einen Allgemeinheitsanspruch zurückgeben, der einmal seinen spezifischen Charakter ausmachte.
Aber Kötz konnte sich diesen kleinen Rückschläge für seine engagierte Förderung des Autorenfilms erlauben, weil er offensichtlich nicht nur der geschätzte “Darling” der wechselnden Mannheim-Heidelberger Oberbürgermeister und deren Kulturbürokratie ist, sondern auch der Mannheimer Bürger. Sein von ihm in einem erstaunlichen Kraftakt zum 400jährigen Bestehen der Stadt Mannheim in diesem Jahr gestemmter sechundsiebzigminütiger essayistischer Erzähl- & Montagefilm “Traumhafte Zeiten - Erzählung einer Stadt” brachte ihm auf einer Sonderveranstaltung Standing Ovations der zahlreich herbeigeströmten Mannheimer ein und auch Wiederholungen wurden sehr rege besucht.
Ein Filmfestivaldirektor, der selbst erfolgreich vormacht, wie man mit Fantasie, Ironie und Eloquenz aus einem spröden historischen Stoff eine unterhaltsame historische Lektion und filmische Lektüre der Zeit macht, dürfte es so schnell nicht noch einmal geben. Vielleicht liegt das Geheimnis seines stetigen Festivalerfolgs auch darin, dass er die Veranstaltung mit seinem Elan in die Wege bringt wie das Ideal einer Autorenfilmproduktion: als Drehbuchautor & Regisseur eines Familienunternehmens mit einer eingespielten Crew hochmotivierter Mitarbeiter. Seinen pädagogischen Eros lässt sich ein gemischtes Publikum gerne gefallen, wenn er z.B. mit Liebe, Nachdenklichkeit und romantischer Aufklärungsemphase das Festival als Redner eröffnet und zweimal die Gedenkvorstellungen für Ingmar Bergmans “Zauberflöte” und “Wilde Erdbeeren” mit der “Begleitmusik” seiner angenehmen rhetorischen Überlegungen versieht.
Die Entdeckung eines Chinas der Regionen
Das diesjährige Programm des Internationalen Wettbewerbs, der Internationalen Entdeckungen und sechs neuer Filme aus China war kompakt, vielseitig und durchweg von hohem künstlerischem Niveau. Es ist immer wieder beglückend dadurch zu erfahren, wie reich an Themen und Ästhetiken das Kino der Welt ist - und schmerzhaft, zu wissen, dass kaum einer der in Mannheim zu sehen gewesenen Filme in unsere Kinos oder ins Fernsehen kommen; auch auf DVD wird man sie nicht wiedersehen: ein Feuerwerk an inspirierter Filmkunst, das danach verlöscht und allenfalls im Gedächtnis der Zuschauer verblassende Spuren hinterlässt.
Der chinesische Film, der seit geraumer Zeit weltweit Aufsehen erregt, kam bisher aus den Metropolen Peking, Shanghai, Hongkong und aus Taiwan. Das Mannheim-Heidelberger Filmfestival richtet jetzt aber den Fokus seiner Entdeckungen auf das chinesische Kino der Ethnien & Regionen, das aber mitnichten provinziell - ja: im Gegenteil von höchster ästhetischer Subtilität, Eindringlichkeit und Beobachtungsschärfe ist. Ihre Autorenfilmer haben nicht selten in anderen Künsten wie der Malerei und der Literatur gearbeitet, haben Film in Peking und in Europa studiert und wenden sich mit ihren Arbeiten nun der unmittelbaren Gegenwart oder der maoistischen Kulturrevolution der Siebziger Jahre zu und reflektieren in Familiengeschichten und der Zeit des Erwachsenwerdens die historischen und aktuellen gesellschaftlichen Verwerfungen auch und gerade in der Provinz. Jeder siebte Mensch ist ein chinesischer Bauer. Diesem Faktum haben Elke Groen und Ina Ivankeanu (Österreich/Luxemburg) eine aufregende Dokumentation gewidmet, die zusammen mit der historischen Recherche über das Schicksal der Frauen auf dem berühmten “Langen Marsch” (“Feet Unbound” von Hhee-Jin Ng) den Hintergrund der Chinesischen Filmreihe des Festivals abgaben.
In seinem lakonischen Spielfilm “Die Zeit des Mutes” erzählt Li Jixian rückblickend von der Tristesse der 70iger Jahre im Schatten einer Karbidfabrik, deren weißer Staub die industrielle Ödnis, den baulichen Verfall und die versteppte Landschaft bedeckt. Die Armut der Arbeiter, die im Industriemüll nach Metall graben, ist bedrückend und die Sehnsucht der Jungen, die der überwachten Kasernierung durch die Partei in versteckten Aktivitäten zu entkommen suchen, ein schmaler Lichtstreif der Hoffnung: ein junger, herumstreunender Mann bastelt an einem Radio, um Tanzmusik zu ergattern, ein Schüler ertastet erste Malversuche als Künstler, eine in die Provinz verbannte junge Tänzerin verliebt sich in den Radiobastler, der kurz darauf in die Armee eingezogen wird und fällt. Der 1962 im Norden Chinas geborene Regisseur beatmet unverkennbar autobiografische Erinnerungen mit großem epischem Atem.In den nebelnassen Bergwaldgebieten des Miaovolkes Südchinas, woher er stammt, hat Yalin Zou mit “Meine rote Jacke” eine zarte Parabel situiert, in der die grandiose Landschaft, die prachtvolle Tracht der Bewohner und ihrer schönen Dörfer und Häuser ebenso präsent sind, wie der herzzerreißende Konflikt um eine rote Jacke, in die sich ein kleines Mädchen auf dem Markt verliebt hat und den ihr ihre Großmutter zum Neujahrsfest nur kaufen kann, wenn sie ihre silbernen Ohrringe verkauft: das Hochzeitsgeschenk ihres verstorbenen Mannes. Obwohl Yalin Zou nur diesen Konflikt in das Zentrum seines bewegenden Films stellt, gewinnt die stilistisch & ethisch an Kiarostamis subtiles Kinos erinnernde “Rote Jacke” eine Tiefe und Weite der Reflexion, die bewundernswert ist, weil kindliches Begehren und die Erfahrung des Respekts, die traditionelle soziale Situation und Struktur des abgelegenen Dorfes sich mit dem Eindringen der Moderne auf dem Markt in die Provinz verbinden: zu einer Parabel über das heutige China.
Das ist nicht weniger auch der Wettbewerbsbeitrag “Das Glück im Park” von der Schriftstellerin Yin Lichnan: ein psychologisch austarierter Modellfall für das Konfliktpotential zwischen der alten, autoritären Generation und der modernen Lebensweise junger Frauen, die - wie die Heldin June - die traditionellen Lebensansichten der Alten über Familie, Liebe, Ehe, Kinder für das Life-Fernsehen dokumentieren, selbst aber ihre berufliche Karriere mit wechselnden erotischen Partnerschaften verbinden. Das will Junes pensionierter Vater - ein penibler Lehrer aus den alten Kadern - ändern, indem er überraschend bei seiner 29 jährigen Tochter auftaucht, die der früh Verwitwete einmal großgezogen hatte, bevor sie sich als Fernsehreporterin in einer fernen Stadt emanzipierte und nun mit einem labilen Musiker zusammenlebt. Wer so alt wie sein Mädchen ist, muss endlich verheiratet werden, findet der besorgte Vater und sucht im Stadtpark, wo sich die Eltern unverheiratete junger Leute treffen, nach einem Heiratskandidaten. Das Aufeinandertreffen zweier konträrer Lebensauffassungen kann nur in einer Katastrophe enden, die jedoch alle Beteiligten zu einer folgenreichen Reflexion ihrer Lage zwingt und “Das Glück im Park” zu einem zartfühlenden, versöhnlichen Dialog zwischen den Generationen werden lässt.
Waisenkinder & adoptierte Fremde auf dem Weg zu sich
Es war höchst erstaunlich, ja geradezu verblüffend zu sehen, wie sowohl lokal als auch universell das Weltkino derzeit ist und wie seine in ihm virulenten Themen (Generationen- & Kulturkonflikte, Migration & Gewalt) und existenziellen Befindlichkeiten (Isolation, Angst) in China und Polen, Belgien und Norwegen, Slowenien und Dänemark einander so ähneln, dass sie in einen Dialog treten, wenn sie, wie auf dem Mannheim-Heidelberger Filmfestival, gleichzeitig präsent sind.
kSo kehrt der am Ende in tiefe Depression gefallene Pensionär aus dem “Glück im Park” in Stephan Carpiauxs belgischem “Ein langer Abschied” wieder, dem optisch schönsten Film des Festivals. In einem Ardennendorf ist der Automechaniker nach dem Unfalltod seiner Frau in eine tiefe Depression verfallen, seine Tankstelle verwahrlost und seine 16jährige pubertierende Tochter versucht dem apathischen Vater zu helfen, indem sie bei einer herrischen Alten eine Stelle als Helferin annimmt, um auf diesem und anderen Wegen Geld zu beschaffen. Im Haus der Alten beobachtet das rothaarige rebellische Mädchen die Unterdrückung eines Musikstudenten, des an Kindesstatt angenommen Neffen, dem die Verwitwete verschweigt, dass er an der Musikakademie angenommen ist, weil sie sich vor der Vereinsamung im Alter fürchtet. Die Alten sind ein Albdruck, der auf den Jungen lastet und von dem sie sich befreien müssen, um ihr eigenes Leben leben zu können.
Ebenso verletzlich, isoliert & revoltierend wie die Tochter des in seiner apathischen Trauer versunkenen Automechanikers ist die stolze Heldin Joy Dietrichs in deren New Yorker Spielfilmdebüt “Tie a Yellow Ribbon”. Der gelbe Schal, den die Koreanerin, die Fotografin werden will, bei sich trägt und würgend immer wieder verknotet, ist die letzte Erinnerung an ihre amerikanischen Adoptiveltern, die das Mädchen ihres Hauses verwiesen, als sie eine erste Liebe mit ihrem Stiefbruder erlebt. Jetzt lässt sie sich unstet durch New York treiben und erlebt am eigenen Leib, wie auch am Beispiel anderer Asiaten, dass sie eine Fremde geblieben ist, die zwar erotisch als Exotikum goutiert wird, aber keine Liebe findet - auch nicht, als ihr Stiefbruder auftaucht und sie für kurze Zeit an ein falsches Glück glaubt. Die Regisseurin und Drehbuchautorin ist selbst eine als Kind adoptierte Koreanerin; und sie wirft einen scharfen, radikalen Blick auf ihresgleichen (nämlich Emigranten und Gettoisierte), die einen ganz eigenen, schwierigen Weg gehen müssen, um sich gesellschaftlich und emotional in die Sicherheit eine selbsterkämpften Identität zu retten.
Ähnlich verloren ist ein rumänischer junger Mann, den es als illegaler Arbeitsemigrant nach Italien verschlagen hat, wo er in Rom mit einem arbeitslosen Italiener Freundschaft schließt und beide von Gelegenheitsarbeiten am Rande der Gesellschaft vegetieren, bis der Rumäne als Coverboy von einer Modefotografin entdeckt wird, seinen Freund verlässt, aber kurze Zeit später nach einem traumatischen Erlebnis in der Modebranche zurück nach Rom flieht. Sein wieder einmal entlassener Freund hat sich jedoch gerade umgebracht.
Der 1963 geborene italienische Regisseur und Drehbuchautor Carmine Amoroso hat in seinem “Cover Boy” gewissermaßen die Borgate-Expeditionen Pasolinis zeitgemäß fortgesetzt und unterwandert seinen teilweise dokumentarischen Realismus am Ende mit phantastischen, märchenhaften Motiven - eine poetische Magie, der sich auch Dariusz Jablonski in seinen burlesken Galizischen Geschichten “Erdbeerwein“ (nach einem Drehbuch des bekannten polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk) bedient. Darin sorgt ein vagabundierender Untoter, den nur ein naiver, in die polnische Ostgrenze mit ihren verschiedenen Ethnien versetzter Polizist sieht, für die Aufklärung eines Mordes an einer schönen Ruthenin, die allen Männern den Kopf verdreht hatte.
Zwei radikal verschiedene Vätersuchen als Festivalgewinner
Der polnische Wettbewerbsbeitrag “Tricks” von Andrzej Jakimowski war aber der wohl subtilste Film des Festivals. Er erinnerte an den menschenfreundlichen, verschmitzten Humor der frühen Filme Milos Formans (“Der schwarze Peter”) oder der Erzählungen Bohumil Hrabals und evoziert durch ein immer dichter verknüpftes Netz von anekdotisch gesammelten “Tricks“, mit denen ein kleiner Junge das Schicksal überlisten will, in dem er in den Lauf der Dinge in einer polnischen Kleinstadt eingreift für eine fast traumlogische Poesie. Alle diese kleinen Versuche, die Wirklichkeit zu verzaubern haben zum Ziel, die sehnlichst erwünschte Rückkehr seines imaginierten Vaters, der seine Mutter und seine ältere Schwester vor Jahren verlassen hatte und den er nun in einem gut angezogenen Mann vermutet, der täglich auf dem Bahnhof ins Büro fährt, Wirklichkeit werden zu lassen.
Jakimowski, der schon vor 5 Jahren mit seinem Spielfilmdebüt “Wahrheiten (mit Augenzwinkern)“ in Mannheim vertreten war, entwirft mit humoristischer Wärme und delikatem erzählerischem Pinselstrich das Aquarell einer poetischen Welt des polnischen Provinz-Alltags zwischen Lethargie und Aufbruch, der voller Andeutungen, Geheimnisse und Unwägbarkeiten ist und zuletzt die Frage offen lässt, ob das Wünschen des kleinen Zauberers zur familiären Wiedervereinigung geholfen hat, während er gleichzeitig unwillentlich die Zukunft seiner Schwester torpediert, die sich um eine Stelle bei einer italienischen Firma bemüht hatte. “Tricks” ist so etwas wie die melancholische Kehrseite der Kieslowskischen Schicksals-Dramen.
Die Jury, die sich von den “Tricks” des Polen so “bezaubert” zeigte (als wär´s eine Mozartsche “Zauberflöte“), verlieh Jakimowski ihren “Spezialpreis”, wählte aber für den Hauptpreis gewissermaßen die Verdische “La Forza del Destino”, d.h. die mörderische, ebenso schicksalhafte Variante einer Vatersuche zwischen dem Kosovo und Oslo. Die dreiköpfige Internationale Jury zeigte sich von der “Direktheit” des 100minütigem Epos “Blutsbande” (von dem 1965 geborenen Norweger Marius Holst) zu einer “Art widerwilliger Bewunderung “ gezwungen, die durch das intensive Spiel des italienischen Schauspielers Enrico La Versa und vor allem des 15jährigen Nazif Muarremi “verstärkt” wurde.
Diese ebenso originelle wie verwunderliche Begründung für die Wahl des Festivalsiegers erklärt sich aus der Dramaturgie, mit der Holst seinen Hauptdarsteller “als eine Art Todesengel” durch die Geschichte seines Films schickt, der eine Blutspur brutaler körperlicher Verletzungen, Morde und ambivalenter moralischer Verhaltensweisen hinter sich herzieht, die im Verrat des eigenen Vaters an die Kosovo-Mafia gipfelt.
Die “Blutsbande”, die in der archaischen Clansgesellschaft Albaniens noch hoch im Kurs stehen, führen den verwilderten 15jährigen Mirush auf der Suche nach dem ihm unbekannten, in Norwegen als Arbeitsemigrant verschwundenen Vater quer durch Europa direkt bis in das Osloer Speiselokal, mit dem der Vater sich eine zweite Existenz aufgebaut und darüber seine heimische Familie vergessen hat, obgleich er unter den zynisch-brutalen Schutzgeld-Erpressungen der albanischen Mafia leidet. Lange gibt sich Mirush, der als Hilfsarbeiter in das Geschäft seines Vaters drängt, der seine norwegische Geliebte heiraten will, nicht als der verleugnete Sohn zu erkennen. Aber als Vater & Sohn wieder vereint sind, kommt es zu einer explosiven dramatischen Verwicklung, bei der Mirush entscheiden muss, ob er, selbst schuldig geworden, die Blutsbande, die seinen Vater (um den Sohn zu schützen) zum Mörder gemacht hatten, höher stellen soll, als die Freundschaft zu einem Norweger, den der Vater als unschuldiges Opfer der Mafia zur Ermordung überantworten will.
Das Drehbuch schürzt da einen unauflöslichen tragischen Knoten, dessen moralische Komplexität die Entscheidung zwischen familiärer Loyalität und ethischer Solidarität verlangt - ein Konflikt, wie er aus Scorseses Mafia-Filmen bekannt ist, aber nun als Bruchstelle der Verwerfungen durch ungleichzeitige Gleichzeitigkeiten der Migrationsproblematik auch in Europa geläufig wird - wenn man z.B. an “Ehrenmorde” oder mafiöse Massenhinrichtungen in Deutschland denkt.
Marius Holsts “Blutsbande” war ein lauter, brillant inszenierter filmischer Paukenschlag in Mannheim, das auch einen ersten, etwas geschmäcklerisch aufgedonnerten, jedoch frontal den “Ehrenmord” als Thema aufgreifenden türkischen Film von Abdulla Öguz zeigte.
Extreme fallen sich liebend in die Arme
Nicht unerwähnt soll zuletzt bleiben, dass gerade das skandinavische Kino in Mannheim-Heidelberg dieses Jahr nicht nur Holsts Drama unter Migranten zur Diskussion stellte. Der dänische Regisseur Daniel Espinosa wagte in seinem turbulenten Spielfilm “Outside Love” eine riskante tragikomische Gratwanderung über innerjüdische Generationskonflikte in Dänemark und die Liebe eines Juden zu einer Muslimin; und der 1975 geborene, in Norwegen lebende Hisham Zaman lässt in “Winterland” einen gut integrierten kurdischen Flüchtling im schneebedeckten, eisigen Norden von einer Braut aus Kurdistan träumen, und als er dann das hübsche, schlanke Mädchen, das er vom übermittelten Bild weg ferngeheiratet hat, am Flughafen abholt, ist es zu seinem Erschrecken, wie sein kurdischer Freund sagt, eine “Prinzessin in XXL“, die auch noch in der norwegischen Brautnacht gesteht, dass sie keine Jungfrau mehr ist: realistischer Stoff genug, um aus dieser enttäuschenden Situation des späten Bräutigams und seiner unerwarteten Braut eine ebenso liebenswerte wie versöhnlich ausgehende Komödie zu machen, in der im “Winterland” der Schnee zwar nicht im Land, jedoch zwischen den beiden norwegischen Immigranten schmilzt.
Wolfram Schütte
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