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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:17

 

Die 41. Hofer Filmtage

30.10.2007

Die Phantasie des Dokumentarischen

Notizen auf den 41. Hofer Filmtagen

Von Wolfram Schütte

 

Zum 41. Mal hat Heinz Badewitz nun schon die “Internationalen Hofer Filmtage” als persönliches Heimspiel des längst in München ansässigen ehemaligen Jazzers & gebürtigen Hofers veranstaltet. Länger als seine Hofer Filmtage dürfte wohl bisher kein Filmfestival der Welt in einer Hand geblieben sein. Mittlerweile gibt es aber außer ihm kaum noch jemand aus den Anfangszeiten, der noch dabei ist, wenn Badewitz alljährlich in der letzten Oktoberwoche nach Hof einlädt.

Nur der ergraute Pilzkopf ist sich treu & stetig neugierig geblieben. Der imaginäre Friedhof jener Filmmacher und Journalisten, die Badewitz´ Ruf nicht mehr folgen können, dürfte umfangreicher sein, als die noch lebenden, jedoch abwesenden früheren regelmäßigen Hof-Gänger, wie etwa Werner Herzog oder Wim Wenders. Obwohl: Herzog, der heute mehr englisch/amerikanisch redet und in den USA lebt, schickt “seinem Heinz” doch immer mal wieder einen seiner Filme, während er just zur Hof-Zeit seinen nächsten vorbereitet. Jetzt seine “Encounters at the End of the World” - die jüngste seiner dokumentaristischen Expeditionen ins Extreme, nämlich in die Antarktis, der er ein faszinierendes Kaleidoskop von Bildern & Betrachtungen widmet.

Ein “echter Herzog”, der ihn in seinem Element der Beobachtung von Menschen, Landschaften und Tätigkeiten zeigt, die alle drei außergewöhnlich & außerordentlich sind. Es sind Wissenschaftler und Handwerker, die in der äußersten Kältezone des südlichen Erdpols über und unter dem Eis ihrer Arbeit der Erforschung der letzten Unbekannten der Erde nachgehen, schweigsam (wie ein Pinguin-Beobachter) und beredt wie ein Biologe, der sich unter die “Kathedrale” des (vorläufig noch) “ewigen Eises” begeben, um bizarre Lebewesen zu entdecken & zu erforschen oder auf Vulkane steigen, in denen man das Erdmagma kochen sieht. Wenn es unvorhersehbar vom Krater ejakuliert wird, dürfe man nicht davon laufen, sondern müsse nach oben blicken, um den niederrieselnden Auswürfen durch jeweiliges Ausweichen zu entgehen, erklärt ein Vulkanologe.

Allesamt sind diese Wissenschaftler, unter Herzogs bewunderndem Blick, Exzentriker, Wahnwitzige, “professionelle Träumer” (wie er selbst ja auch einer ist), die dem Reiz des Unmöglichen folgen und sich extremen Strapazen und Gefahren aussetzen. Darunter ist auch ein mächtiger peruanischer Klempner, der sich für einen direkten Nachkommen den Inkakönige hält. Am Berückendsten & Phantastischsten sind vor allem aber die Unterwasser-Expeditionen in den Eis-Domen & ihren Gaudischen Labyrinthen, die einer außerirdischen Welt gleichen und pure Schönheit und Schrecken vereinen und von Herzog mit mächtigen armenischen Chormusiken unterlegt werden: Bild- & Tonphantasmen, wie man sie seit Kubricks “2001- A Space Odyssee” im Kino nicht mehr gesehen hat.

Der intensivste poetische “Herzog-Augenblick” ist jedoch jener, in dem ein einzelner Pinguin nicht, wie seine Genossen nach Paarung und Aufzucht der Jungen, zurück zum weit entfernten offenen Meer watschelt, sondern (“Gibt es Wahnsinn unter Pinguinen?” fragt Herzog) ins Landesinnere - dem “sicheren Tod entgegen”. Eine wahnwitzige “Entfernung von der Truppe” (Böll), ein individueller Irrläufer wider den kollektiven Instinkt - ein absurder Held so ganz nach Werner Herzogs poetischem Geschmack.

Suche nach einer Unbekannten

Rosa von Praunheim - auch er ein langjähriger Hof-Gast, wie der tonnenschwere Wal Peter Kern, der eine jüngste Jean-Genet-Adaption zeigte - überraschte durch seine “Spurensuche in Riga”, nämlich nach “Meinen Müttern”. Es ist eine ebenso gelungene wie anrührende Recherche nach der Mutter, die ihn 1942 im Zentralgefängnis von Riga zu Welt gebracht hatte - was ihm seine 94jährige “Mutter”, die ihn “liebvoll” aufgezogen hat, erst kurz vor ihrem Tode gestanden hatte. Nach ihrem Tod 2003 machte der Filmmacher, der für sein stattliches filmisches Oeuvre im Laufe der Jahrzehnte, immer wieder eine Nische gefunden hat, sich auf die Suche - und sein Film beschreibt mit großer Empathie und Zartheit (& mit großem Glück), wie weit er dabei gelangt und wie er spät noch zu einem Cousin gekommen ist - ohne doch hinter das Rätsel seiner Zeugung zu kommen oder die Identität seines Vaters zu lösen. Ein bewegendes zeithistorisches Dokument.

Auf eine ganz andere Weise kann man das auch von zwei anderen Dokumentation sagen: “Hafners Paradies” von dem Österreicher Günter Schwaiger und “Bierbichler” von Regina Schilling. Es sind dokumentarische Langzeit-Porträts von Personen, die nicht gegensätzlicher denkbar sind: Paul Maria Hafner ist ein ehemaliger Waffen-SS-Offizier, der, wie zahllose andere nazistische Gesinnungsgenossen auch, unbehelligt in Spanien nach Kriegsende Unterschlupf gefunden hat, als Schweinezüchter und Erfinder dort lebte, heiratete, Kinder zeugte und jetzt als solitärer Rentner, dessen Gesicht einem Reptil gleicht, sich sportlich fit hält und ganz & gar als sich selbst konservierender Altnazi den Holocaust leugnet und Hitler für den größten Politiker der Weltgeschichte hält.

Dem 1965 geborenen Dokumentaristen Günter Schwaiger ist es gelungen, dieses Relikt eines imprägnierten Nazis zu einer Selbstdarstellung zu bringen, die nichts Denunziatorisches hat und doch seinen physischen Kult des sportertüchtigten Körpers mit seiner psychischen Abschottung in der fortdauernden Wahnwelt des Nazismus ineins zu setzen versteht, wenn er “die Normalität” seines Tageslaufs oder seine Besuche im deutschen Altenheim Madrid zu anderen Nazis oder seine Reisen zur Tochter eines frankistischen Generals in Marbella beschreibt, die ihn damit konfrontiert, dass sie jüdischer Abstammung ist.

Oft und immer öfter schließt der versteinerte Alte die Augen, wenn er auf Widerspruch stößt (als wolle er sich selbst verschließen); und obwohl er bis ins hohe Alter nie krank gewesen sei und keine Tabletten nehme, trifft ihn - psychosomatisch - der Schmerz und eine Erkrankung, die er medikamentös behandelt - nachdem er mit einem überlebenden österreichischen KZ-Häftling und dessen Erzählungen konfrontiert worden war.

Den Ausnahmeschauspieler Sepp Bierbichler hat Regina Schilling über zwei Jahre begleitet, seine zeitweiligen Weggefährten Werner Herzog und Herbert Achternbusch, seine Geliebte Luisa Francia befragt, vor allem aber dem ebenso eruptiven wie somnambulen Bauern- & Wirtssohn vom Starnberger See die Zunge gelöst - zum komplexen Porträt eines zarten Berserkers, der die deutschen Bühnen und Filme (zuletzt in “Winterreise”) mit seiner unheimlichen, brütenden körperlichen Präsenz erfüllte. Ein einsamer, querköpfiger Mensch, der radikal immer sich selbst aussetzte und anarchistisch gegen die Welt wütete und das Theater verließ, weil es ihm zu beschränkt für seine Grenzüberschreitungen war. Kolossal ist der anekdotische Witz, den Bierbichler zum Schluss seines Selbstporträts erzählt: wie er einmal über den zugefrorenen Starnberger See lief und in dessen Mitte einen Scheißhaufen setzten musste und durch diesen Wärmepunkt das Eis quer über den See krachend einen Haarriss bekam: als wär´s eine Herzogsche Phantasmagorie.

Staubtrockener “Staub”

Staubtrocken war dagegen Hartmut Bitomskys in der Sache faszinierende, in der Darstellung herb enttäuschende dokumentarische Beschäftigung mit “Staub”. Diese Partikel, die durch den “Feinstaub” eben gesellschaftspolitisch aktuell und als häusliche Herausforderung eine misslich/missliebige Begleiterscheinung unseres privaten Alltags sind, hätten gewiss eine klarer strukturierte, erzählerisch und poetisch verdichtetere Präsentation verdient, als durch die Talking Heads, die Bitomsky hier auftreten lässt.

John Cassavetes war auch einmal umjubelter Gast in Hof (wie jetzt der in Hongkong geborene Wayne Wang, dem die diesjährige Retrospektive gewidmet war); und weil Zoe, die Tochter von John Cassavetes, ihren ersten Film (“Broken English”) über eine dreißigjährige junge Frau auf der Suche nach dem “perfekten Ehemann” gedreht hat, in dem ihre berühmte Mutter Gina Rowlands und Peter Bogdanovich mitspielen, hat der familienfreundliche Badewitz das uninspirierte Debüt Zoe Cassavetes´ nach Hof geholt. In Erinnerung bleibt davon wohl nur, dass es - trotz mancher Filme ihres Vaters - keinen gibt, in dem so oft & sinnlos (sprich: aus Verlegenheit) zum Rotweinglas gegriffen wurde.

Enttäuschend bieder fiel auch Dominik Grafs erster Versuch im Historienfilm aus. Sein “Gelübde” erzählt von Clemens Brentanos Lebens-Wende, als er, nach einem freizügigen romantischen Dichterleben, 1818 ins westfälische Dülmen reist, um dort am Krankenbett der stigmatisierten, 2004 selig gesprochenen, Nonne Katharina von Emmerich als “Aufschreiber der Wunder Gottes” deren Visionen und Träume einer staunenden katholischen Welt mitzuteilen. Erfolgreicher war keines seiner eigenen poetischen Werke, nachdem er sich dem Verlangen des preußischen Hofs, an den Westfalen nach den Napoleonischen Kriegen gefallen war, widersetzt hatte. Die Protestanten in Berlin sahen in der Wundertäterin einen katholischen Hokuspokus, der ihre neue Macht in der westfälischen Ferne bedrohte.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Dominik Graf, der ganz außergewöhnlich nervöse, flirrende, komplexe Gegenwartsthriller gedreht hat - in deren Gestaltung seine einzigartige Meisterschaft hell aufleuchtet -, damit nicht zufrieden ist und sich in anderen, “respektierlicheren” Filmgenres versucht - wie wenn Raymond Chandler erst zufrieden gewesen wäre, wenn er Hemingways Romane geschrieben hätte.

Natürlich war auf den 41. Internationalen Hofer Filmtagen viel mehr zu sehen, als was ich jetzt meinen umfangreichen Notizen entnommen habe. Manches davon - wie z.B. Vanessa Jopps turbulente, pointensichere, intelligente, tiefgängige Komödie “Mein schöne Bescherung” mit einem brillant agierenden Schauspielerensemble, allen voran Heino Ferch & Martina Gedeck (über Patchworkfamilien, Kinderwünsche und Sex-Eifersüchteleien) - wird nach dem erfolgreichen Start in Hof in unseren Kinos für ein überraschendes Publikumsvergnügen sorgen; anderes wie Stefan Krohmers “Mitte 30” wird als Film des Bayrischen Rundfunks für freundliche Aufmerksamkeit in der ARD sorgen; und minder Gelungenes wie Conny Walthers “12 heißt: Ich liebe Dich” wird als flaues, oberflächliches Sequel von “Das Leben der anderen” (Stasi-Opfer verliebt sich in ihren Stasi-Verhörer) einfach “versendet” werden.

Von der Palette der Dokumentaristen aber stammten auf den diesjährigen Hofer Filmtagen die eindrücklichsten, nachhaltigsten Farben.

Wolfram Schütte

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