Kann man heute ein Drama schreiben, auch nur halbwegs vernünftig über Theater sprechen, ohne Shakespeare und Ibsen, Tschechow und Brecht zu kennen? Offenbar sind vorgebliche Filmliebhaber und sogar angehende Filmemacher jedoch der Meinung, es bedürfe keiner Kenntnisse der Filmgeschichte, im Besonderen: des Stummfilms, um in Sachen Film mitzureden. Konnte man sich bis vor einiger Zeit noch darauf ausreden, dass es jenseits einiger privilegierter Großstädte mit Filmmuseen kaum Möglichkeiten gab, ältere Filme zu sehen, hat sich der Zustand mittlerweile durch die DVD grundlegend verändert. Sie kann zwar niemals ein Ersatz sein für die Projektion auf die große Leinwand, aber immerhin macht sie Material zugänglich, und zwar in rasant wachsendem Umfang und manchmal auch in gewissenhaft restaurierter Form, das früher kaum aufzufinden war.
Dass der sowjetische Film in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren international zumindest so viel Anerkennung fand wie der amerikanische Film, ist jungen Menschen allenfalls als Gerücht bekannt. Zumindest die Namen Eisenstein, Pudovkin, vielleicht auch Dowschenko und Wertow haben die Interessierteren unter ihnen gehört. Nun aber liegt in der von absolut MEDIEN ins Programm aufgenommenen Auswahl aus der arte Edition ein legendärer Film als DVD vor, dessen Komponist noch bekannter ist als seine beiden Regisseure Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg. Kein Geringerer als Dmitri Schostakowitsch schrieb die lange verschollene Musik zu dem Meisterwerk „Das Neue Babylon“, das 1929, an der Schwelle vom Stumm- zum Tonfilm gedreht wurde. Sie wurde also „live“, wie man heute sagt, den Bildern zugespielt. Die DVD kann den Film nachsynchronisieren. Das ist, wenn man aufmerksam mit der Originalmusik umgeht, doch ein Gewinn.
Die Geschichte spielt im deutsch-französischen Krieg und während der Commune von 1871. Kosinzew und Trauberg waren durch ihre Verfilmung von Gogols „Mantel“ aus dem Jahre 1926 bereits als Satiriker bekannt. Aber die Karikatur ist nur ein Element des „Neuen Babylon“. Es kontrastiert mit ausgetüftelten Bildern, die einerseits der Ikonographie des sozialkritischen Realismus, des Naturalismus eines Zola, andererseits dem Impressionismus der französischen Malerei folgen. Die verschiedenen Stilarten setzen die private Liebesgeschichte vom historischen Hintergrund ab. Thematisch mag man an Brechts „Tage der Commune“ denken, formal, in der medialen Brechung, auch an Arthur Schnitzlers „Grünen Kakadu“.
Kosinzew und Trauberg haben bis in die vierziger Jahre hinein zusammengearbeitet. Trauberg ist später, 1960, noch einmal zu Gogol zurückgekehrt und hat dessen „Tote Seelen“ verfilmt, Kosinzew gelang 1964 ein respektabler „Hamlet“ mit dem Star Smotkunowski in der Titelrolle.
Das informative Beiheft ordnet den Film ästhetisch und politisch in die Geschichte der jungen Sowjetunion ein. Dabei ist er nichts weniger als ein bloß historisches Dokument. Seine Einzelbilder und Sequenzen vermögen bis heute zu faszinieren.
Thomas Rothschild
Das Neue Babylon. arte Edition/absolut MEDIEN.
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