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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:19

 

Peter Stein: Sommergäste

13.12.2007

Rothschild's DVD-Tipp:

Peter Steins Gorki

Stein hatte die „Sommergäste“ als Film geplant, als Drehbuch konzipiert, noch ehe er sie am Halleschen Ufer realisierte. Nun also, im Nachhinein, wurde tatsächlich ein Film daraus.

 

Wer Peter Stein nennt, wer seine frühen Jahre in München, Bremen und Zürich noch nicht wahrnahm, denkt an die Berliner Schaubühne, zunächst am Halleschen Ufer, dann am Lehniner Platz. Zurückgekehrt nach großen Umwegen in seine Geburtsstadt, machte der Kortner-Schüler die Schaubühne für gut ein Jahrzehnt zum bedeutendsten Theater Deutschlands, vielleicht sogar der Welt. Die Eröffnung der Schaubühne mit Bertolt Brechts „Mutter“ war, ebenso wie die anderthalb Jahre später inszenierte „Optimistische Tragödie“ von Wsewolod Wischnewski, Programm. Sie ist Ausdruck der Politisierung in jener Zeit. Das unverblümte Bekenntnis zum Sozialismus findet freilich in Steins Regie eine szenische Umsetzung, die keinen Augenblick den Verdacht aufkommen lässt, die ästhetische Dimension sei der Aussage geopfert worden. Dem politischen Impetus des Bühnengeschehens entspricht hinter den Kulissen der Versuch, mit einem grandiosen Ensemble neue Formen der kollektiven Arbeit (wenn nicht, nach dem Vorbild des Living Theatre, des Lebens) auszuprobieren, wie es wenig später auch Peter Palitzsch in Frankfurt tat. Dass diese Versuche gescheitert sind, kann nur Dummköpfe zu höhnischem Grinsen verleiten. Die manchmal schmerzlichen Erfahrungen mussten gemacht werden, und das künstlerische Ergebnis – erinnert sei beispielhaft an „Peer Gynt“, „Prinz Friedrich von Homburg“ oder an das Antikenprojekt – übertrifft trotz allem fast jede Aufführung, die damals in traditioneller Weise entstanden ist.

Dann, 1984, inszenierte Peter Stein „Drei Schwestern“. Das war für viele Fans ein Schock. War der oft mürrische, bisweilen arrogant wirkende Theaterrebell nun bei Stanislawski angelangt? In gewisser Hinsicht: ja. Man hat ihm das übel genommen. Aber hat nicht auch ein Künstler das Recht, seine Ansichten zu ändern? Was zählt, ist die Qualität seiner Arbeit. Und da muss der unvoreingenommene Theaterliebhaber zugeben: die „Drei Schwestern“ gehören, wie fünf Jahre danach „Der Kirschgarten“, zu den aufregendsten Tschechow-Inszenierungen, die in Deutschland je zu sehen waren. Sie sind, in ihrer Art, nicht weniger makellos als der Bremer „Tasso“ oder „Die Mutter“. Mehr und mehr hat sich Peter Stein zu einer äußerst genauen Lektüre, einer geradezu philologischen Aufarbeitung von Texten bekannt. Dass ihm das nicht immer so vollkommen gelungen ist wie bei den Tschechow-Stücken und übrigens auch in mehreren Operninszenierungen – wer wollte ihm das verübeln? Wenn Steins Wandlungen, die er mit anderen großen Künstlern seiner Generation teilt, manchen als „konservativ“ erscheint, so wäre dieser Konservatismus auch als Reaktion auf eine besinnungs- und orientierungslose Effekthascherei der nachfolgenden Regisseursgeneration zu begreifen.

Dabei signalisierten die „Drei Schwestern“ gar keinen so radikalen Bruch, wie es manche Beobachter und retrospektiv sogar Peter Stein oft darstellten. Genau besehen, deutete die längst kanonisierte Aufführung von Gorkis „Sommergästen“ zehn Jahre davor bereits auf Steins Tschechow-Inszenierungen voraus. Auch sie zeichnet sich durch eine minutiöse Schauspielerarbeit und eine – Gorki entsprechende – realistische Kunstauffassung aus. Berühmt wurden die „Sommergäste“ unter anderem wegen des Bühnenbilds: Karl-Ernst Herrmann hatte ein veritables Birkenwäldchen auf die Bühne gestellt. Die Dialoge von Gorkis Gesellschaft finden im Freien statt: ist das nicht eine Vorgabe für eine Verfilmung?

Nicht jeder Theaterregisseur kann mit dem Medium Film umgehen. Deshalb sind auch die Film- oder Fernsehversionen eigener Bühneninszenierungen oft enttäuschend, wenngleich sie stets zumindest eine Konservierung des Vergänglichen ermöglichen, also jedenfalls Dokumentationswert haben. Peter Stein aber ist 1975 die Verfilmung seiner „Sommergäste“ gelungen, obwohl oder vielleicht gerade weil sie ihre Herkunft aus dem Theater nicht verleugnet. Doch diese Herkunft ist eine Täuschung. Peter Stein hatte die „Sommergäste“ als Film geplant, als Drehbuch konzipiert, noch ehe er sie am Halleschen Ufer realisierte. Nun also, im Nachhinein, wurde tatsächlich ein Film daraus. So dürfen wir die überragenden Schauspieler der Schaubühne, Jutta Lampe und Edith Clever, Bruno Ganz und Otto Sander, Elke Petri und Werner Rehm, auch Ilse Ritter war damals dabei, ganz aus der Nähe sehen. Die Kamera führte kein Geringerer als Michael Ballhaus.

Das Besondere an Gorkis Dramaturgie – auch in seinem Anschluss an Tschechow – ist der Verzicht auf einen zentralen Protagonisten und einen Antagonisten. Als einer der Ersten hat Gorki das Kollektiv, eine Menschengruppe zum Handlungsträger gemacht. Es ist bemerkenswert, wie stark diese Technik Botho Strauß, der als damaliger Dramaturg der Schaubühne die „Sommergäste“ bearbeitet hat, in seinen eigenen Stücken beeinflusst hat. Auf der Bühne ist Platz für eine größere Zahl von Akteuren, für Simultaneität. Im Film benötigt man dafür die Totale. Wer wagte es schon, einen Film in Totalen zu drehen, wie Carl Theodor Dreyer einst seine „Passion der Jeanne d’Arc“ in Großaufnahmen? So wird also das Ensemble im Film „zerlegt“ und ist doch stets präsent. Denn Film lässt aufeinander folgende Einstellungen der Parallelmontage als gleichzeitig erleben. Filmgeschichtlich gesehen nähert sich Steins Film somit Robert Altmans im selben Jahr (!) entstandenen „Nashville“, jener filmischen Dramaturgie, die 18 Jahre später in „Short Cuts“ ihren Höhepunkt erreichte.

Thomas Rothschild

Peter Stein: Sommergäste. DVD. arte Edition/absolut MEDIEN, Theater 920.
Mehr Informationen zum Film bei www.absolutmedien.de

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