An Bob Wilson scheiden sich die Geister. Die einen halten ihn für einen Boutiquenregisseur, einen modischen Verfechter der glatten Oberfläche, die dem Kitsch und der Warenästhetik stets näher ist als einer provokanten Kunst, die anderen schwärmen von der Schönheit seiner Bilder, der ausgefeilten Delikatesse seiner Arrangements. Wenn Susan Sontag, die den Wilson-Verehrern maßgeblich die Stichwörter geliefert hat, den Landsmann zu einem Giganten hochstilisiert, muss man berücksichtigen, dass sie ihn vor der Kulisse der Broadwayroutine einerseits und des Konservatismus amerikanischer Operninszenierungen andererseits wahrnimmt. Aus europäischer Perspektive relativiert sich manches, was in den USA als Sensation empfunden werden mag – auch und gerade von Kennern und Befürwortern der europäischen Künste, zu denen Susan Sontag zählte.
Wie immer aber man zu Bob Wilson stehen mag (auch Peymann hat ihm immerhin sein Theater zur Verfügung gestellt, auch Heiner Müller gehörte zu seinen Fans): seine Biographie, seine ästhetischen Ansichten, seine Inszenierungen sind bemerkenswert genug, sich ausführlicher mit ihnen zu beschäftigen. Katharina Otto-Bernstein hat einen Dokumentarfilm gedreht, der genau diesem Bedürfnis entgegenkommt. Dieser Film gibt Gelegenheit, sich von einzelnen in die Bühnengeschichte eingegangenen Arbeiten – etwa mit Phil Glass – ein Bild (im buchstäblichen Sinne) zu machen. Das ist für Theaterinteressierte auf alle Fälle ein Gewinn.
Im Übrigen ist es in diesem Zusammenhang eine Überlegung wert, dass sich die maßlose Euphorie gegenüber der Musik von Phil Glass doch eher als Strohfeuer erwiesen hat. Was besagt das über die Rezeption von Kunst und über Musik- und Theaterkritik? Könnte es nicht doch sein, dass auch Glass mehr mit Kitsch zu tun hat, als seine Propagandisten glauben machen wollten? Über die Dokumentation seiner Arbeit hinaus kann man Wilson durchaus auch als Politikum verstehen, als Stachel im Fleisch des US-Kulturbetriebs, der ihn doch wiederum geprägt hat. Und schließlich ist seine Biographie Gegenstand des Films. Er liegt nun auf einer ansprechend ausgestatteten Doppel-DVD vor. Eins freilich kann sie, kann noch nicht einmal die große Leinwand vermitteln: das Erlebnis einer Bühnenproduktion im Theaterraum.
Thomas Rothschild
Absolute Wilson. 2 DVD. Arthaus, 501576.