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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:20

 

Zwei Bücher über den Dokumentarfilm

28.02.2008

Dokumentarfilm

Der Dokumentarfilm, zwischenzeitlich für tot erklärt, lenkt seit einiger Zeit wieder Interesse auf sich. Die Gründe dafür sind vielfältig, das Resultat jedenfalls ist erfreulich.

 

Der Dokumentarfilm, zwischenzeitlich für tot erklärt, lenkt seit einiger Zeit wieder Interesse auf sich. Die Gründe dafür sind vielfältig, das Resultat jedenfalls ist erfreulich.
Dabei gibt es, was weiter nicht verwunderlich ist, eine Wechselbeziehung zwischen der Entstehung und Vorführung von Filmen und ihrer Beschreibung und Analyse. Mit verbesserten Bedingungen für den Dokumentarfilm erweitern sich auch die Forschung und die Erstellung von einschlägiger Literatur. Besonders sinnfällig wird dieser Zusammenhang, wo zu einer Retrospektive, wie sie die Viennale mit dem Österreichischen Filmmuseum 2007 organisiert hat, ein Katalog ermöglicht wird, der den Anspruch einer Monographie einlöst – in Umfang, Seriosität und Aufmachung gleichermaßen. Nur in solch einem Kontext (und unter Verzicht auf Originalbeiträge, für die Autorenhonorare zu zahlen sind) kann eine Publikation dieser Art für den Preis von 12 Euro in die Läden kommen.

Dem Anlass entsprechend besteht Der Weg der Termiten zu mehr als der Hälfte aus Materialen zu den Filmen, die bei der von Jean-Pierre Gorin zusammengestellten Schau gezeigt wurden. Astrid Ofner, die Antigone von Straub und Huillet, hat Texte aus internationalen Filmzeitschriften und Buchpublikationen aufgestöbert. Die Retrospektive reicht von einem weniger bekannten Griffith (A Corner in Wheat) und Dziga Vertovs Mann mit der Kamera über Resnais’ Nacht und Nebel, Jean Rouchs Chronik eines Sommers und Orson Welles’ F for Fake bis zu Robert Kramers Route o­ne/USA und Godards Moments choisis des Histoire(s) du cinéma. Gemeinsam haben die ausgewählten Filme, dass sie – großzügig interpretiert – dem Subgenre des Filmessays oder des Essayfilms zugeordnet werden können. Luis Buñuel darf da ebenso wenig fehlen wie Fernando Birri oder Joris Ivens, Chris Marker ebenso wenig wie Peter Nestler oder Pasolini, Jean-Marie Straub ebenso wenig wie Johan van der Keuken oder Chantal Akerman (eine der wenigen Frauen unter den Filmessayisten), Raúl Ruiz ebenso wenig wie Glauber Rocha und Alexander Kluge.

Den mit Stills teilweise illustrierten Artikeln zu den einzelnen Filmen gehen mehrere Essays voraus. Jean-Pierre Gorin begründet (in englischer Sprache) seine Auswahl. Zu Griffith wird ein Nachruf von Erich von Strohheim nachgedruckt, dessen ursprünglicher Publikationsort interessanter wäre als die Veröffentlichungsangabe zur deutschen Übersetzung aus dem Jahr 1975. Von Vertov ist ein Manifest aus der längst eingestellten legendären Reihe Hanser aufgenommen. Glauber Rocha hat sich 1987 in den Cahiers du Cinéma zu einer „Ästhetik des Hungers“ sowie zu einer „Ästhetik des Traums“ geäußert. Manny Farber definiert in einem Aufsatz von 1971 „Termiten-Kunst“, die dem Buch den Titel lieh: ihre Besonderheit ist, „dass sie sich ausschließlich vorwärts bewegt, ständig ihre eigenen Begrenzungen auffrisst und in diesem Durchfraß höchstwahrscheinlich keine Spur hinterlässt außer Zeichen einsatzbereiter, fleißiger und ungezähmter Aktivität“. Im Weiteren ist aber dann vorwiegend von Spielfilmen die Rede. Ein wenig ungehalten wartet man auf Erkenntnisse zum essayistischen Kino, das uns auf dem Buchumschlag angekündigt ist. Die findet man auch nicht im Beitrag von Ôshima Nagisa aus dem Jahr 1970. In die Nähe des eigentlichen Themas führen erst Materialen zu Peter Nestler und ein Gespräch mit Marta Rodriguez. Die beiden längsten sind auch die interessantesten Artikel: eine Erzählung von Jean Rouch über sein Lebenswerk und über allerlei damit zusammenhängende Aspekte sowie die „Befragung eines Bildes“ durch Jean-Luc Godard und Jean-Pierre Gorin aus dem Jahr 1972, die zwar auch nicht den essayistischen Film ins Visier nimmt, aber in ihrer Methode selbst seinem Verfahren sehr nahe kommt.

Ebenfalls bei Schüren, wo man sich nun schon lange um Film- und Medienpublikationen bemüht, die sich, wie man hört, schwer verkaufen, ist schon zuvor ein Band über Dokumentarfilmerinnen und Dokumentarfilmer aus aller Welt erschienen. Er ist nach Ländern geordnet, für jedes Land wird eine Person vorgestellt, nur für Deutschland sind es drei, Österreich, Frankreich und Palästina kommen wegen Auseinanderklaffens von Staatsbürgerschaft und Wohnsitz mehrfach vor. Auf eine biographische Skizze mit Charakterisierung des Werks folgt jeweils ein Gespräch. Die auserwählten Deutschen sind Harun Farocki, Thomas Heise und Volker Koepp, drei bedeutende und wichtige Dokumentaristen ohne Zweifel. Nicht ihre Aufnahme bedarf der Begründung, wohl aber die Weglassung nicht weniger bedeutender Kolleginnen und Kollegen. Eine gewisse Willkür haftet solchen Unternehmungen fast stets an. Leider, bedauern die Herausgeber, sei der Frauenanteil auch in diesem Buch gering. Was hat sie daran gehindert, Ulrike Ottinger, zum Beispiel, Joan Churchill oder Barbara Kopple aufzunehmen? Ihre Porträts hätten uns mehr mitgeteilt als der läppische Formalismus des Binnen-I.

Insgesamt ist der Band außerordentlich informativ. Die meisten Filmemacher gehen bereitwillig und auskunftsfreudig auf die Fragen ein. Insgesamt ergibt sich so auch ein Überblick über den gegenwärtigen Stand des Dokumentarfilms, über seine Möglichkeiten und Spielarten. Die kundige Einleitung von Volker Kull liefert eine hilfreiche Ergänzung. Besonders angenehm fällt auf, dass diese Zusammenstellung frei ist vom üblichen Eurozentrismus – um den Preis freilich, dass Osteuropa überhaupt nicht vorkommt.
Als die heurige Berlinale mit Scorseses Film über die Rolling Stones eröffnet wurde, vermerkte man mit Staunen, dass hier zum ersten Mal einem Dokumentarfilm die Ehre erwiesen wurde. In Büchern über den Dokumentarfilm wird der Musikfilm stiefmütterlich behandelt. Was aber, wenn nicht ein Dokumentarfilm, wäre ein Konzertmitschnitt oder ein Musikerporträt? Diese Enthaltsamkeit wäre eine Reflexion wert. Sie besagt etwas über den Dokumentarfilm und mehr noch über jene, die ihn zum Gegenstand ihrer Untersuchung machen. „Poeten, Chronisten, Rebellen“: so heißt die Porträtsammlung von Teissl und Kull. Die Regisseure von Musikfilmen sind nicht selten alles zugleich: Poeten, Chronisten und Rebellen. You can’t always get what you want.

Thomas Rothschild


Astrid Ofner (Hrsg.): Der Weg der Termiten.
Beispiele eines Essayistischen Kinos 1909-2004.
Schüren, 2007.
Gebunden. 223 S. ¤ 12,-.
ISBN 978-3-89472-535-8.

Verena Teissl/Volker Kull (Hrsg.): Poeten, Chronisten, Rebellen. Internationale DokumentarfilmemacherInnen im Porträt.
Schüren, 2006.
Broschiert. 319 S. ¤ 24,90.
ISBN 978-3-89472-411-5.

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