Die deutsch-tschechischen Beziehungen in jenem Sinne als normal zu bezeichnen, wie es die deutsch-französischen Beziehungen sind, wäre verwegen. Sie sind immer noch geprägt und belastet von der Geschichte des 20. Jahrhunderts, von der Annexion der Tschechoslowakei durch Hitler und vom Kalten Krieg. Da mag es sinnvoll sein, exemplarisch zu zeigen, wie sich diese Beziehungen im Film spiegeln. Das haben die Filmhistoriker um CineGraph nun auch mittels einer DVD unternommen.
Der größere Teil – eine tschechische Wochenschau aus dem Jahre 1938, ein quälender deutscher „Kulturfilm“ der Nazizeit mit Eric Ode und ein weiterer, der nur langweilig ist, ein Propagandafilm aus der DDR, ein nicht ohne Grund vergessener Kurzspielfilm von Mischa Gallé – ist nur von dokumentarischem Interesse. Die frühe Tonfilmkomödie „Die vom Rummelplatz“ aber, in Deutschland gedreht, aber von einem tschechischen Regisseur, mit der seinerzeit populären tschechischen Hauptdarstellerin Anny ondra, gewährt einen uneingeschränkten Genuss. (Übrigens wäre Frank Beyers Verfilmung von Jurek Beckers „Jakob der Lügner“ mit dem großen tschechischen Schauspieler Vlastimil Brodský in der Titelrolle ein neueres Beispiel für eine gelungene deutsch-tschechische Zusammenarbeit.) „Die vom Rummelplatz“ operiert virtuos mit allen Klischees der Typenkomödie und auch des Melodrams und funktioniert auch heute noch. Erstaunlich, dass dieser Film, 1930 gedreht, mehrere Anspielungen auf Sternbergs „Blauen Engel“ enthält, der gerade vier Monate vor jenem Film in die Kinos kam.
Der Untertitel der DVD lautet „Deutsch-tschechische Filmbeziehungen im 20. Jahrhundert“. Ja wann denn sonst, möchte man erstaunt fragen. Andererseits ließe sich bei dieser Ankündigung auch an Filme denken, die die Geschichte und die Gegenwart des jeweils anderen Landes zu ihrem Stoff machen, von Fritz Langs „Hangmen Also Die“ bis zu Jiři Menzels „Scharf beobachteten Zügen“ und – da auf der Hülle auch von Österreich die Rede ist – bis zu den Dokumentarfilmen von Nadja Seelich („Sie saß im Glashaus und warf mit Steinen“) oder von Ulrich Seidl („Mit Verlust ist zu rechnen“). Zum Thema der deutsch-tschechischen Filmbeziehungen gehören im Übrigen die zahlreichen deutschen Filme, die in der Tschechischen Republik gedreht wurden, nicht nur, weil es dort für Kostümfilme erforderliche, besser erhaltene alte Städte mit barocken Marktplätzen gibt, sondern vor allem wegen der geringeren Kosten, in denen sich die typisch „deutsch-tschechischen Beziehungen“ konservieren: tschechische Mitarbeiter werden oft deutlich schlechter bezahlt als ihre deutschen Kollegen.
Thomas Rothschild
Film im Herzen Europas. Deutsch-tschechische Filmbeziehungen im 20. Jahrhundert. Zusammengestellt von Hans-Michael Bock & Karl Griep. Cinefest Edition 870, absolut MEDIEN.
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