Die dümmste Haltung war die jener Kommunisten, die normalerweise niemals einen Konzertsaal betraten, nie ins Theater oder in die Oper gingen, aber in Begeisterung verfielen über alles und für genial hielten, was aus der Sowjetunion kam. Nichts ist dümmer als die Beurteilung von Kunst unter Gesichtspunkten, die der Kunst fremd sind, eine Gesinnungsethik als ästhetischer Maßstab. Die zweitdümmste Haltung war, spiegelbildlich, die jener westlichen Kalten Krieger, die an nichts, was aus der Sowjetunion kam, etwas Gutes lassen wollten, es sei denn, es ließ sich als dissident klassifizieren oder belohnte die Zustimmung durch Emigration. Die Wahrheit ist komplex.
Zunächst muss man unterscheiden zwischen dem Aufbruch in den Künsten nach der Revolution von 1917 bis zum Anfang der dreißiger Jahre und den katastrophalen Folgen der restriktiven Kulturpolitik danach. Alle Versuche, den Niedergang unter dem Diktat des „Sozialistischen Realismus“ auf die Jahre davor zurückzuprojizieren, können nur als borniert bezeichnet werden und als opportunistischer Versuch, den Stalinismus mit den bald erstickten Möglichkeiten einer nicht privatkapitalistisch organisierten Gesellschaft gleichzusetzen. Wie ja auch die albernen Einwände von Menschen „aus dem Volk“ gegen moderne Kunst keineswegs auf das Konto des Sozialismus gehen. Wer daran noch zweifelt, sehe sich einmal die einschlägigen Leserbriefe in westlichen Medien an. Das Spezifische von Diktaturen, von denen Stalins Sowjetunion nur eine war, besteht darin, dass solche „Volksmeinungen“ zum politischen Instrument gemacht werden können, dass sie als Rechtfertigung für Verbote und Verfolgungen dienen. Wer sich heute bei Radio-, Fernsehprogrammen oder Theaterspielplänen auf die „Nachfrage“ beruft, auf den angeblichen Willen der Konsumenten, verfährt subtiler. Das Ergebnis ist oft sehr ähnlich. Ganz ohne Diktatur, ganz ohne Gefahr für Leib und Leben. Man kann ja nicht behaupten, dass ein Schnittke, zum Beispiel, in westlichen Konzertsälen zum Repertoire gehöre oder je gehört habe.
Ferner darf eine differenzierte Betrachtungsweise nicht unterschlagen, dass die Sowjetunion auch in den Jahren der schlimmsten Repression auf dem Gebiet der Musik im internationalen Vergleich einige der größten Künstler vorzuweisen hatte. David Oistrach, Svjatoslav Richter, Mstislav Rostropowitsch hatten unter den Verhältnissen in einem Ausmaß zu leiden, das nicht verniedlicht werden darf. Aber zur ganzen Wahrheit gehört auch, dass die Sowjetunion diese Künstler hervorgebracht, ihre Karrieren, wenngleich mit Schikanen, ermöglicht hat. Und die Verfechter einer Totalitarismustheorie mögen Komponisten des Formats eines Schostakowitsch nennen, der innerhalb des nationalsozialistischen Deutschland gelebt und gearbeitet hätte. Was wiederum die politischen Umstände, die Schostakowitsch immer wieder zu taktischen Manövern zwangen, weder entschuldigt noch relativiert. Sie waren verbrecherisch, sie müssen so benannt werden – und Schostakowitsch müsste jetzt, da sie Vergangenheit sind, weit mehr gespielt werden als es der Fall ist.
Erschütternder Einblick in die VerhältnisseBruno Monsaingeon hat für ARTE France einen Dokumentarfilm über das musikalische Leben im stalinistischen Russland gemacht, der einen ebenso informativen wie erschütternden Einblick in diese Verhältnisse liefert. Aber die Stärke des Films liegt nicht so sehr in den Aussagen wie in der Kraft der Bilddokumente, die dafür aus den Archiven geholt wurden. Wo es sich um Propagandamaterial handelt, mischt sich in die Abscheu die Erkenntnis von der Faszination, die für die Zeitgenossen davon ausgegangen sein muss. Mit diesen Szenen kontrastieren Bilder von Musikern, die sich auf die eine oder andere Weise mit dem System arrangiert haben. Auf die wenigen zwischengeschnittenen Spielfilmszenen könnte man verzichten.
Kronzeuge ist der Dirigent Gennadi Roschdestwenski, der glaubwürdig, manchmal vielleicht ein wenig zu sehr mit mimischem Nachdruck, über die vergangenen Zeiten erzählt und seinerseits schriftliche Dokumente präsentiert, die einem heute den Atem verschlagen. Dass Roschdestwenski ein begnadeter Schauspieler ist, wie auch Leonard Bernstein einer war, und dass ihm zu fast jedem Aspekt seines Berufs aphoristische Statements einfallen, beweist das Porträt, das den Film „The Red Baton“ ergänzt. Als Bonus kommen zwei Konzertaufnahmen hinzu: In seiner eigenen spaßigen Bearbeitung von Schnittkes Filmmusik zu den „Toten Seelen“ gibt Roschdestwenski, ein Oleg Popow der Musik, den Clown. Und dann – ein Kuriosum – dirigiert er vor leerem Saal eine Kantate, die Prokofjew zum sechzigsten Geburtstag von Stalin geschrieben hat. Das Schicksal hat ihm dafür nicht gedankt. Prokofjew starb am selben Tag wie der besungene Held. In den Zeitungen fand sich kein Platz, seinen Tod zu melden.
Die DVD bietet nur eine englische und eine französische Version an. Die Interviewaussagen im russischen Original sind in diesen beiden Sprachen untertitelt. Der Kommentar im Beiheft ist auch ins Deutsche übersetzt.
Thomas Rothschild
Notes Interdites. The Red Baton. Gennadi Rozhdestvensky: Conductor Or Conjuror? Idéale Audience, 3073498 (NTSC).