Die Geschichte der Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika unterscheidet sich von jener Europas unter anderem dadurch, dass der Klassenkampf dort eng mit dem Kampf gegen Rassismus, gegen die Diskriminierung der farbigen Bevölkerung verbunden ist. Paul Robeson, ein begnadeter Bass, war über Jahrzehnte hinweg die Personifikation der amerikanischen Linken. Er stand für die Gleichberechtigung der Schwarzen und für die Friedensbewegung zugleich und genoss wegen seines künstlerischen Talents, seiner bewegenden Interpretation von Spirituals oder Liedern der progressiven amerikanischen Tradition, auch des Musicalhits „Ol’ Man River“ aus „Oklahoma“, selbst in den Jahren des Kalten Krieges ein hohes Ansehen, im „Ostblock“ sowieso, aber auch bei jenen, denen seine politischen Ansichten ein Gräuel waren.
1930 spielten der damals 32-Jährige Paul Robeson und seine Frau Eslanda in einem Film mit, dessen Regisseur, der Brite Kenneth Macpherson, allenfalls noch ein paar Spezialisten bekannt ist. Er war Herausgeber der angesehenen Filmzeitschrift „Close Up“ gewesen, kam also, wie viele Regisseure der französischen Nouvelle Vague Ende der fünfziger Jahre, von der Kritik zur Praxis. Die Story von „Borderline“ ist, oberflächlich betrachtet, eine ziemlich konventionelle Eifersuchtstragödie. Eingearbeitet in die psychologische Geschichte ist aber eben auch eine Anklage gegen Rassenvorurteile, deren Denunziation zu der Zeit, als der Film entstand, für die USA noch keineswegs selbstverständlich war. Doch auch dieser politisch fortschrittliche Ansatz definiert noch nicht den Stellenwert von „Borderline“ innerhalb der Filmgeschichte. Wenn der siebzigminütige, noch stumme Spielfilm heute als Experimentalfilm gilt, so liegt das vor allem an seiner Montage, die eine Brücke schlägt zwischen der sowjetischen Avantgarde der zwanziger Jahre und Techniken, denen wir heute im Video wiederbegegnen. Rasche, assoziative Einstellungsfolgen, hart aneinandergeschnitten, ersetzen eine gemächlich voranschreitende kontinuierliche Erzählweise.
Wenn eine zeitgenössische deutsche Kritik die „Grenzlinie“ – denn nichts anderes bedeutet der doppelsinnige Titel „Borderline“ – in Zusammenhang bringt mit der „Generallinie“, so rückt er Macpherson in die Nähe von Sergej Eisenstein. Nun kann man ihn erneut entdecken. Das British Film Institute hat „Borderline“ als DVD zugänglich gemacht, absolut Medien hat, in Zusammenarbeit mit ARTE, den Vertrieb in Deutschland übernommen. Die neue Musik für den Film schrieb Courtney Pine im Idiom des Jazz. Die DVD enthält – in einer einzigen ungeschnittenen Einstellung von mehr als zwanzig Minuten – ein Interview mit dem Musiker, das interessanten Aufschluss über dessen Überlegungen zum Film und zum Problem des musikalischen Kommentars liefert.
Thomas Rothschild
Borderline. Ein Film von Kenneth Macpherson (1930).
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