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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:22

 

Festroia in Setúbal

16.06.2008

Bei 30 Grad im Schatten

Es hat etwas Heroisches, während der Fußball-EM und bei 30 Grad im Schatten ein Filmfestival zu veranstalten.
Aus Portugal berichtet Thomas Rothschild

 

Geben wir es zu: so schön solche Festivals für die Profis und Liebhaber sind – das breite Publikum macht sich, jedenfalls außerhalb der Großstädte, rar. Der Film als Kunst wird mehr und mehr zu einer Minderheitenkultur. So konnte man in Setúbal, 40 Kilometer südlich von Lissabon, ein ebenso sympathisches wie intimes Festival erleben, das sich nach dem auf der anderen Seite der Flussmündung liegenden Ortschaft Festroia nennt. In Troia hatte es in den Anfangsjahren stattgefunden, noch weiter entfernt vom potentiellen Publikum. Nächstes Jahr feiert es die 25. Ausgabe, und die Bürgermeisterin hat versprochen, dafür gute Bedingungen zu schaffen.

Festroia zeichnet sich im Wettbewerb, der durch mehrere Reihen mit insgesamt rund 200 Filmen ergänzt wird, durch die Beschränkung auf Arbeiten aus, die aus Ländern stammen, welche weniger als 30 Filme im Jahr produzieren, im wesentlichen jedoch aus Europa. Zu den besten Filmen der diesjährigen Auswahl gehörte ein Film, der seit eineinhalb Jahren schon auf zahlreichen Festivals zu sehen war und auch mehrere Preise eingeheimst hat: „Die Falle” von Srdan Golubović. Es geht um 26000 Euro. Soviel kostet eine Operation, die dem kleinen Nemanja das Leben retten könnte. Die Eltern haben das Geld nicht. Sie setzen eine Anzeige in die Zeitung und bitten um Unterstützung. Der Vater Mladen bekommt ein Angebot: Er soll einen Geschäftsmann töten, dann erhält er 30000 Euro. Doch das Angebot ist eine Falle.

„Klopka“ – so der serbische Originaltitel – verkleidet sich als spannender Psychokrimi. Zugleich zeigt er uns eine Gesellschaft, in der die Eltern einer Schülern einen leeren Bilderrahmen an der Wand hängen haben, der 30000 Euro gekostet hat, während deren Lehrerin diesen Betrag nicht auftreiben kann, um ihrem Kind eine erforderliche Operation zu bezahlen. Solche Ungerechtigkeit, wir wissen es, herrscht nicht nur in Serbien.

In dem Film wird daran erinnert, dass die Versicherungen für eine beim Anschlag von 11.9. in New York umgekommene mexikanische Putzfrau 1000 Euro, für einen reichen Geschäftsmann jedoch Millionen bezahlten. Menschenleben sind nicht gleich viel wert. Wer einen Menschen umbringt, um das Geld für die Rettung seines Kindes zu „verdienen“, ist ein Verbrecher. Wer in Saus und Braus lebt und in Kauf nimmt, dass ein Kind sterben muss, weil dessen Eltern das Geld für die Operation nicht aufbringen können, gilt nicht als kriminell. Das Gesetz definiert Recht und Unrecht zu Gunsten derer, die haben. Es schützt die Besitzenden und überlässt die Ärmeren ihrer Not. Das strapaziert unser Rechtsempfinden. Im Leben wie im Film. Auch davon handelt „Die Falle“.

Zu den besonderen Qualitäten dieser serbisch-deutsch-ungarischen Koproduktion gehört das Spiel des meist in Großaufnahme gefilmten Nebojsa Glogovac in der Rolle des von Konflikten überforderten Mladen. Der Film ist auch als DVD erhältlich auf absolut MEDIEN 952 (www.absolutmedien.de). Wer also – erst recht während der EM und bei 30 Grad – nicht ins Kino geht, kann sich diesen meisterhaften Film dennoch ansehen.

Origineller noch war in Setúbal die niederländisch-südafrikanisch-nordirische Koproduktion „The Bird Can’t Fly” von Threes Anna. Mit der wunderbaren Barbara Hershey im Zentrum zeigt der Film die Geschichte einer Mutter, die nach dem Tod ihrer Tochter den Enkelsohn River aus der Wüste nach Europa mitnehmen will und mit dessen Feindseligkeit zurechtkommen muss. Faszinierende Bilder setzen die an lateinamerikanische Romane erinnernde bizarre Geschichte ins Filmische um. Dass dieser Film als einer der wenigen beim Preisregen am Ende im Trockenen blieb, gehört zu den Ungerechtigkeiten solcher Wettbewerbe.

Stichwort „Ehre“

Neben fast minimalistischen Filmen wie „Alles wird gut” aus Polen oder „Schwarzes Eis” aus Finnland gab es ein paar Filme, die religiösen Fanatismus zu ihrem Thema machten, „Im Namen Gottes” aus Pakistan, wo dem islamischen Fundamentalismus die Brutalität amerikanischer Behörden gegenübergestellt wird, oder „Versteckte Gesichter”, wo es um Ehrenmorde geht. Leider kann die Machart dieser Filme mit ihrer gut gemeinten Botschaft nicht Schritt halten. Richtig war es jedoch, diese Filme zu ergänzen durch den dänischen Streifen „Welten auseinander”, der erkennen lässt, dass sich die (christlichen!) Zeugen Jehovas in ihrer Frauen- und Menschenverachtung kaum von muslimischen Fanatikern unterscheiden. Bigott ist es dennoch, wenn die katholische Jury einen Film auszeichnet, der die Zeugen Jehovas, wenn auch zu Recht, denunziert. Das ist ungefähr so originell wie ein Preis von Lidl für eine Kritik an Aldi.

Das Stichwort heißt „Ehre“. Wer sich jedoch über die pakistanischen und türkischen Muslime mokiert, möge daran denken, dass Männer sich und einander noch vor drei Generationen mitten in Europa wegen der „Ehre“ die Kugel in den Kopf schossen und Deutschlehrer bis heute in Verzückung geraten über Emilia Galotti, die von ihrem Vater den Tod erbittet, noch ehe ihr und ihrer Ehre etwas angetan wurde. Und was die Hartherzigkeit von Zeugen Jehovas angeht, die Familienmitglieder verstoßen, sei daran erinnert, dass es immer noch katholische Pfarrer gibt, die sich weigern, Katholiken mit Protestantinnen (oder umgekehrt) zu vermählen, die also, wenn die Hochzeit trotzdem stattfindet, nicht anders als Sektierer, Menschen aus der Familie ihrer Glaubensgemeinschaft ausschließen.

Religiöser Fanatismus ist nur ein Aspekt der Gewalt, der in Troia zum Thema wurde. Die manifeste Gewalt im Klassenzimmer („Die Klasse“ von Ilmar Raag aus Estland) und die Gewalt in einer vom Krieg zerrütteten Gesellschaft („Blutsbande“ – englischer Titel: „Mirush“ – von Marius Holst aus Norwegen, ausgezeichnet mit dem Preis der FIPRESCI) sorgten beim Publikum für Erschütterung und auch zu Protesten seitens derer, die solche unbequemen Wahrheiten nicht sehen wollen – insbesondere dann, wenn sie befürchten, sie könnten ein unvorteilhaftes Bild von „ihrem“ Land vermitteln.

Preisentscheidung als Kompromiss

Bei der Hauptjury bekam der gemütliche Alltagshumor von Jan Svěráks „Pfandflaschen“ den Zuschlag und den Goldenen Delphin, ein freundlicher, harmloser Film, der vielleicht „typisch tschechisch“, doch nur halb so geistreich ist wie Menzels Hrabal-Verfilmungen. Aber es war halt die einzige Komödie im Wettbewerb und sie hat ein Happy End. Die Preisentscheidung ist der paradigmatische kleinste Nenner, auf den sich Jurys einigen, wenn unterschiedliche Temperamente einen Kompromiss suchen. Die Jury vergab übrigens je einen Preis für die beste Kamera, den besten Schauspieler, die beste Schauspielerin, das beste Drehbuch, den besten Regisseur, sowie einen Spezialpreis. „Pfandflaschen“ bekam keinen dieser Preise. Was macht eigentlich einen Film zum „besten Film“ wenn nicht die Kamera, nicht die Schauspieler, nicht das Drehbuch und nicht die Regie? Tja wenn man das wüsste…

Während die Theater landauf landab Filme, meist unangemessen, für die Bühne bearbeiten, beweist der Österreicher Peter Payer, wie man aus einem guten (wenn auch nicht dem besten) Theaterstück Ödön von Horváths – „Der jüngste Tag” – einen schlechten Film macht, durch Dialoge, die weit hinter jenen Horváths zurückbleiben, durch eine stilistische und sprachliche Unentschlossenheit, durch Fehlbesetzungen – Corinna Harfouch kann man nur bedauern – und durch einen klischeehaften Fernsehrealismus, der Horváths Künstlichkeit nicht gerecht wird. Auch das gehörte zu den Erfahrungen bei 30 Grad im Schatten.


Thomas Rothschild


Zur Homepage des Festivals.

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