Erstaunlich ist immer wieder (& immer noch), wie es der pilzköpfige Heinz Badewitz hinbekommt, einmal im Jahr in seiner Heimatstadt Hof ein “Familientreffen” des deutschen Films samt ausländischen Gästen zu organisieren, das für die gesamte Branche zu einer Hochzeit mit dem einheimischen jungen Publikum verführt, das 5 Tage & manche Nacht in die acht unterschiedlich großen Kinos strömt, als sei es das Natürlichste von der Welt, in einem der abgelegenen Winkel Deutschlands kinobegeistert zu sein. Und die angereisten Kritiker schwärmen davon, auf engstem Raum (im überfüllten Lokal des Hotels Strauß) mit jungen & alten Filmmachern, Produzenten, Schauspielern, Kameraleuten und TV-Redakteuren sich die Köpfe heiß reden zu können.
Die “Internationalen Hofer Filmtage” fanden dieses Jahr zum 42. (!) Mal statt - und sollte, was Gott verhüte, einmal der nach wie vor quicklebendige Gründer & Vater der Hofer Filmtage als Methusalem das Handtuch werfen, hätte Hof ein Problem. Davon kann (& soll) natürlich nicht die Rede sein. Denn die diesjährige Veranstaltung zählte zu den glanzvollsten und geglücktesten, wenn auch diesmal eher die “alten Meister” als die Newcomer den Ton angaben.
Herausragend und solitär: das Opus ultimum des todkranken Melos-Dramatikers Werner Schroeter, der einen bewegenden Brief zur deutschen Premiere seines von dem portugiesischen Produzenten Paulo Branco ermöglichten “Nuit de Chien” schickte, mit dem Schroeter kürzlich in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhielt.
Die “Nacht des Hundes”, nach einem Roman des uruguayanischen Romanciers Juan Carlos Onetti, wurde buchstäblich über Nacht und
nur nachts im magisch erleuchteten Porto gedreht. Diese lange Reise ans Ende der Nacht, die der Tod bedeutet, unternimmt ein Mann, der in einer belagerten Stadt, in der Milizen und Widerstandskämpfer sich bekämpfen, seine von ihm zurückgelassene Geliebte sucht: eine existenzialistische Metapher für ein düsteres, groteskes Schlachtfeld von Terror, Verrat, Brutalität und vergeblicher Liebe. Noch einmal versammelt Schroeter das Arsenal seiner exaltierten, einzigartigen Verschmelzung von orgiastisch aufblühender visueller Schönheit mit deren akustischer Intensivierung durch eine Musikpalette aus Oper & Fado.
Sepp & Josef Bierbichler allerortenEs gab Jahre, in denen ein Schauspieler oder eine Schauspielerin gleich in mehreren Filmen in Hof zu sehen waren: zuletzt etwa Devid Striesow oder Axel Prahl. Diesmal war Josef (Sepp) Bierbichler gleich viermal auf der Leinwand dominant, ohne selbst da zu sein. Nicht nur in einem gar nicht erst angekündigten & als “Schmankerl” eingeschobenen Kurzfilm, in dem der Star erfolgreich versucht, sich aus einem Kino auf allen vieren zu schleichen, um - freilich vergeblich - einer alten Liebe nachzusteigen, die er nur durch die Scheibe eines Lokals noch sieht, während ihr neuer junger Lover ihr ein Getränk bringt: Momentaufnahme eines lächerlichen Alten Mannes.
In der sehr intensiven und bewegenden Dokumentation “Achternbusch” von Andi Niessner tritt er nicht nur in Filmausschnitten seines Entdeckers, sondern auch als Interviewpartner auf, um über das heute zwischen beiden völlig zerrüttete Verhältnis zu sprechen - ein bis zur Prügelei einmal ausgetragener persönlicher, politischer und erotischer Konflikt, an dessen Schnittstelle Sepp Bierbichlers Schwester und Achternbuschs langjährige Geliebte und Darstellerin Annamirl sich befand. Achternbusch hat sie - nach dem ihn tief verletzenden zeitweiligen Verbot seines Jesus-Films “Das Gespenst” - verlassen und Bierbichler wirft ihm vor, dass der ehemalige Freund und Geliebte die Todkranke nicht mehr im Krankenhaus besucht habe.
Niessner gelingt es nicht nur, den heute völlig vereinsamten anarchistischen Filmemacher, Schriftsteller und Maler - oft in Begleitung seiner späten Tochter Naomi - zum Sprechen, Erzählen und zur uneitlen Selbstdarstellung zu bringen, sondern auch seine Kinder aus seiner frühen Ehe und Weggenossen &-genossinnen zu einem komplexen filmischen Porträt des radikalsten filmischen Solipsisten des deutschen Films zu bewegen. Es ist, um mit Robert Musil zu sprechen, gewissermaßen “Ein Nachruf zu Lebzeiten” des in diesem Jahr siebzig Jahre alt werdenden traurigen Clowns, für den unsere, vor allem die bajuwarische Gesellschaft des neuen Schickimicki, keinen Platz und kein Interesse mehr hat; und er nicht an & in ihr.
Boshaft aber ruft Achternbusch dem “Sepp” nach: was bei Annamirl “natürliche Kunst” gewesen sei, müsse er immer aus sich herauspressen - eine Sottise unter ehemaligen engen Freunden, obwohl Josef Bierbichler gewissermaßen die einzige noch aktive figürliche “Hinterlassenschaft” aus Achternbuschs Filmkosmos ist: eine ewig grantelnde Masse Mensch, ein physischer Koloss, der durch seine pure Anwesenheit, seine Zwinker-Ticks und sein gehemmt-wortloses Vor-sich-hin-Brüten wie ein erloschener menschlicher Vulkan wirkt.
Gerade, wenn man in Niessners “Achternbusch”-Dokumentation Bierbichler mehrfach beweglich und schnell agierend sieht, fällt auf, wie sehr er sich im Verlauf der langen Reihe seiner Schauspieler-Auftritte & Rollen in den Filmen anderer Regisseure und Regisseurinnen - wie jetzt in Caroline Links “Im Winter ein Jahr“ oder in Ina Weisses Debütspielfilm “Der Architekt“ - als Selbstdarsteller verlangsamt hat: bis zur Statik eines aufgerichteten Bären, der einsam durch die Welt trottet, verschlossen, rätselhaft, lebens-müde.
In beiden Filmen geht es um den Zerfall einer Familie. In Links Melodrama spielt Bierbichler einen schwulen Maler, der als behutsamer, selbst verletzter Mann zum väterlichen Helfer einer jungen Frau (Caroline Herfurth) wird, die der Selbstmord ihres geliebten und beneideten Bruders traumatisiert hatte wie ihre Mutter (Corinna Harfouch). Seine psychologischen “Hebammenkünste“ verhelfen beiden zur Selbsterkenntnis. In Ina Weisses Film, der höchst metaphorisch gewissermaßen in Schnee “badet” und fast gänzlich in einem abgelegenen Dorf der Alpen lokalisiert ist, verkörpert Josef Bierbichler einen dorther stammenden Hamburger Architekten, der - auf der Beerdigung seiner gehassten Mutter mit der eigenen Vergangenheit und seinem bislang verschwiegenen unehelichen Sohn konfrontiert - sein Leben lang vor sich selbst davon gelaufen ist und den Beruf als Vorwand genommen hatte für seine längst verschüttete Liebesfähigkeit. Ein tragisches Monstrum der Lieblosigkeit, das aber von seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern ebenso gnadenlos an einer Tankstelle zurückgelassen wird, von der aus der an einem verschwiegenen Infarkt Leidende auf dem einsamen Gang zurück ins Dorf im Schnee seinen Tod findet. Ein eindringliches, gewiss auch entscheidend von Bierbichler getragenes Debüt der vierzigjährigen Regisseurin und Schauspielerin Ina Weisse.
Wir verkaufen unser Oma ihr klein´ HäuschenNicht nur diese beiden deutschen Regisseurinnen richten ihren erzählerischen Fokus auf gesellschaftlich hoch lokalisierte Familiengeschichten. Auch der Franzose Olivier Assayas betrachtet in seinem lakonischen “L´Heure d´Eté” die großbürgerliche Familie allegorisch unter den Bedingungen der beruflichen Globalisierung. Nach dem Tod ihrer Mutter, die sie kurz zuvor noch einmal zu einem Geburtstag in ihr Landhaus eingeladen hatte und bereits ahnt, dass nichts von ihrem Erbe - immerhin zwei Corots und zahlreiche Jugendstilmöbel - nach ihrem Tod an seinem Platz bleiben würde, beginnt unter den drei Geschwistern der Ausverkauf der traditionellen Kultur.
Nur einer der Erben träumte davon, Haus und Inventar in seinem ursprünglichen Zustand zu bewahren und als Pariser dort im Sommer weiterhin Ferien zu machen. Aber seine beiden Geschwister sind beruflich nach New York und Peking orientiert, werden das Nest ihrer behüteten Kindheit nicht mehr besuchen, bzw. brauchen durchaus finanziell ihr Erbteil, um andernorts Wurzeln schlagen zu können. Man ist bürgerlich “zivilisiert” genug, um anwaltliche Erbstreitigkeiten zu vermeiden und dem staatlichen Fiskus durch Stiftungen einen Erlass der Erbschaftssteuer abzuluchsen, bzw. illegalerweise ein wertvolles Skizzenbuch ins Ausland zu transferieren und in Einzelblättern bei Christie´s zu versteigern. Nur die jahrelange alte Bedienstete besucht (sentimental) hin und wieder das langsam verwilderte Grundstück und das nach und nach “geplünderte”, von seinen Wertgegenständen entleerte Haus. Zuletzt bewundern die in Paris wohnhaft gebliebenen Erben stolz im Quai d´Orsey-Museum das gestiftete Mobiliar - während die japanischen Besucherscharen achtlos an dem musealisierten europäischen Traditionsbestand vorbeiflanieren.
Auch zwei andere deutsche Filme, die den Blick über die eigenen deutschen Befindlichkeiten hinaus wagten, erweckten Interesse und Empathie. Die 45jährige Irene von Alberti, die lange Zeit (auch auf den Spuren von Paul & Jane Bowles) in Marokko lebte, hat in einer manchmal semidokumentaristischen Weise, das schwierige Leben unabhängiger Frauen in Tanger porträtiert, die sich als Gelegenheitsprostituierte von Ausländern durchschlagen - in der Hoffnung, einen spanischen oder deutschen Lover zu finden, der sie heiratet und aus ihrer gesellschaftlich prekären Lage befreit. Der Plot ihres Films “Tangerine”, die authentische Situation der Prostituierten im Gegenlicht zu einer deutschen Musikergruppe zu schärfen, ist jedoch wenig gelungen; und überzeugender als die deutschen Schauspieler sind die marokkanischen Schauspielerinnen.
Künstlerisch erstaunlicher und als epischer Historischer Film, der Dokumentarmaterial bruchlos integriert, ist “Die Frau des Anarchisten” weithin erzählerisch gelungen. Marie Noelle und Peter Sehr haben ihn gemeinsam in dreijähriger Arbeit in Spanisch & vornehmlich mit spanischen Darstellern (& Nina Hoss als deutscher Kommunistin) gedreht. Das Drehbuch Noelles verfolgt den schwierigen, leidenschaftlichen Lebens- & Liebesweg eines Paares zwischen Francos Putsch, ihrer Trennung und Wiedervereinigung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Das Panorama, das der fast zweistündige Film entfaltet, hat sein Zentrum im Lebenskampf der unter Francos Herrschaft zurückgebliebenen republikanischen Verlierer - eine historische Erfahrung, mit der “Die Frau des Anarchisten” ins Zentrum der augenblicklichen gesellschaftspolitischen Diskussion über die Verbrechen des Regimes trifft.
Melancholie & Humor, Satire & KomödieDer 1943 in Karlsbad geborene Michael Klier (“Überall ist es besser, wo wir nicht sind” & “Ostkreuz”) hat mit seinem “Alter und Schönheit” eine ebenso subtile wie berührende Tragikomödie in Berlin über drei Jugend-Freunde gedreht, die sich lange nicht mehr gesehen hatten. Der sterbenskranke Manni hat sie zusammengerufen, damit sie Rosi finden, Mannis ehemalige Geliebte und die “Königin” ihrer Clique. Im Verlauf der drei Tage, an denen der Film spielt, entwickelt Klier so etwas wie einen sanften “Langen Abschied” von der noch einmal aufglühenden Freundschaft, Liebe und Kameradschaft unter den vier Männern und der einen Frau - ohne Sentimentalität oder Peinlichkeit, aber mit einer großen Zärtlichkeit für die am Ende über alle hereinbrechenden persönlichen Liebes- & Lebens-Katastrophen.
Sein fulminantes Darstellerteam (Henry Hübschen, Burghart Klaussner, Armin Rohde, Peter Lohmeyer und Sibylle Canonica), deren scharf gezeichnete Charakterprofile und Michael Kliers Regie, die auf eine undramatische Distanz (viele Halbtotalen) eingeschworen ist, erzeugen eine schwerelose Melancholie mit humoristisch-absurden Momenten bis zum stillen Pathos von Mannis Ende im “Kreise seiner Lieben”, wozu auch der metallic schimmernde, röhrende Ferrari gehört, den zu besitzen, sein Lebensziel (und der Titel von Kliers erstem Film von 1965) gewesen war.
Im gleichen Sommer, als Kliers Clique ihr “Long Good-bye” für Manni begeht, könnten auch zwei junge Männer auf einer Berliner Dachterrasse vergeblich “Warten auf Angelina”. Hans-Christoph Blumenberg hat in seiner satirischen Komödie den Ex-DDR Fotografen Maik Tremper (Florian Lukas), mittlerweile ein hochbezahlter Paparazzo zwischen New York und Monte Carlo, und Momme Ulmer (Kostja Ullmann), Rettungsschwimmer & Filmvorführer auf der Nordseeinsel Pellworm, der gerade von seiner Liebsten verlassen wurde, auf engstem Raum zusammen gebracht. Beide haben sich auf dem Aussichtsposten des verreisten Promi-Zahnarztes Dr. Kadelbach unfreiwillig und illegal eingefunden, weil sie von dem Hochsitz aus einen hervorragenden Platz haben, um Exklusivfotos vom berühmtesten Kinoehepaar der Welt schießen könnten: Angelina Jolie und Brad Pitt. Der eine, um damit eine Million $ zu verdienen, der andere, um mit seinen Schnappschüssen seiner Freundin zu imponieren. Statt des edlen Wilds, für das die ungleichen, mit einander konkurrierenden Fotojäger auf der Lauer liegen, erscheinen aber sechs Frauen auf der Dachterrasse - eine Parade von Karikaturen, aus denen die muntere und Dialog sichere Komödie brillante Gastauftritte von u.a. Barbara Auer oder Gudrun Landgrebe macht. Es sind Herausforderungen, welche die beiden jungen Männer zu Freunden werden lassen.
Wer hätte dem Regisseur, der sich sein Drehbuch in guter Laune und mit Spaß an der komödiantischen Freude selbst geschrieben und in wenigen Tagen gedreht hat, eine solche sichere Hand auf dem (besonders bei uns) riskanten Gelände der romantischen Zwei-Männer-Komödie zugetraut? Er noch nicht einmal sich selbst, wie er im Lampenfieber der Hofer Premiere bekannt hat. Blumenberg hat aber viel gewagt, und ihm ist ein spannendes, sympathisches, witziges “Petits riens“ hoch über Berlin geglückt.
Ein Gottvater namens Ali?Der gewiefte Festival-Dramaturg Badewitz hat sein 42. Hofer Festival mit Caroline Links “Im Winter ein Jahr” gestartet - und sich für den umjubelten Schluss das perfekte Melodrama “Jerichow” von Christian Petzold aufgespart. Der - nun immerhin “schon” - achtundvierzigjährige Intellektuelle unter den deutschen Regisseuren lässt
seine Version des veristischen Topos einer mörderischen Dreiecksgeschichte aus erotischer Leidenschaft, der James M. Cain 1934 mit seinem vielfach adaptierten Krimi “The Postman always rings twice” seine klassische dramaturgische Form gab, in der ostelbischen Provinz auf dem Lande spielen.
Ali, der türkische Betreiber und Zulieferer von Imbissstuben (Hilmi Sözer), der (zurecht) keinem vertraut, begeht den Fehler, Thomas (Benno Fürmann) zu vertrauen, weil der ihm spontan geholfen und für ihn gelogen hatte, als der volltrunkene Ali seinen Geländewagen in einen Fluss gefahren hatte und die Polizei ihm den Führerschein abnehmen will. Als Ali kurz darauf doch seinen Führerschein verliert, stellt er den unehrenhaft aus der Bundeswehr Entlassenen als Fahrer ein und prunkt mit seiner schönen, jungen Frau Laura (Nina Hoss) - wie einst der König Kandaules mit seiner Frau Rodophe vor seinem Freund Gyges. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis zwischen Thomas und Laura ein “amour fou” entsteht und sie den betrogenen Ehemann gemeinsam umbringen wollen.
Wie schon in seinen früheren Filmen (zuletzt: “Yella”) - und wohl auch Dank der dramaturgischen Zusammenarbeit mit Harun Farocki - ist in “Jerichow“ Liebe und Leidenschaft
ökonomisch codiert - und jedes gegenwärtige Motiv der Widergänger eines vergangenen. Verdopplung und Wiederholung sind die Knoten, welche das dramaturgische Geflecht der filmischen Erzählung zu einem Gitter festzurren, in dem sich die Leidenschaften der Personen verfangen - bis zur tragischen Ironie des Unvorhergesehenen.
So tief und konkret sich Petzold auf Landschaften, Orte, Konstellationen, Psyche und Physis seiner Personen einlässt und ein minimalistisches Zeitbild vom “Schuldzusammenhang alles Lebenden” (T. W. Adorno) schraffiert - könnte es nicht vielleicht auch sein, dass seinem faszinierenden Melodrama aus der ostdeutschen Provinz schattenhaft die häretische Allegorie einbeschreiben ist, in der Gott das menschliche Paar auf die Probe stellt, die es nicht besteht, worüber er sich selbst in den Tod stürzt?
Wolfram Schütte
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