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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:27

 

Balkan Traffic - Übermorgen nirgendwo

11.12.2008

Ambivalenz als Strategie

Die Amerikaner wählten kürzlich Barack Obama zum ersten afro-amerikanischen US-Präsidenten, Cem Özdemir ist Bundesvorsitzender der Grünen und Mehmet Kurtulus erster Tatortkommissar mit Migrationshintergrund: Ungeachtet politischer oder schauspielerischer Qualitäten ist diese integrative Entwicklung natürlich erfreulich. Von Sascha Ormanns

 

Daß diese Ereignisse in der Presse hohe Wellen schlagen, ist einerseits verständlich und partiell wohl auch nötig, andererseits zeigen diese öffentlichen Diskurse leider auch, daß Integration nicht selbstverständlich – und längst noch nicht abgeschlossen – ist. Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen hat häufig die verschiedensten Konsequenzen: Überhaupt scheint es den Menschen schwerzufallen, andere Meinungen, oder mehr noch Andersartigkeit, zu tolerieren oder zu akzeptieren.

Kulturelle Divergenzen werden in Filmen, die die unterschiedlichsten Genres bedienen, immer wieder thematisiert; im Bereich des humoristischen Films gibt es dort beispielsweise die Komödien, die ihre Komik eben aus der Kollision verschiedener Kulturen gewinnen, so zum Beispiel My Big Fat Greek Wedding, Crocodile Dundee oder auch Kebab Connection. Auch Balkan Traffic – Übermorgen Nirgendwo kann wohl berechtigterweise so kategorisiert werden, und das quasi im dreifachen Sinne. Mit Markus Stein und Milan V. Puzic nehmen sich erstens ein Deutscher und ein Serbe der Regie für einen Film an, der zweitens sein Publikum sowohl hier wie dort zu finden versucht, und in dem drittens eine Deutsche, ein Serbe und ein Bosnier die Hauptrollen spielen.

Die Idee zum Film stammt vom serbischen Regisseur Radoslav Pavkovic und seinem Drehbuchautor (obengenanntem Milan V. Puzic) aus dem Jahr 1998. Seither hat sowohl das Script als auch der Stab mehrere Veränderungen erfahren, wobei Kausalität durchaus unterstellt werden darf. Was für ein Film Balkan Traffic mit dem »Originalbuch« geworden wäre, läßt sich jetzt natürlich nicht mehr nachvollziehen, so jedoch ist ein Film entstanden, der in seiner Gesamtheit unentschlossen wirkt und es nicht vermag, komplett als Kinofilm zu überzeugen. Obgleich Kameramann Rali Raltschev phasenweise durchaus Originalität in Kadrierung der Bilder und Positionierung der Kamera attestiert werden kann, schaffen es die fotographierten Bilder leider nicht in Gänze, sich ihrer Fernsehfilmästhetik zu entsagen. Ähnlich ambivalent verhält es sich mit Drehbuch und Regie: Auf Plattitüden wie »Du bist, was du bist« folgen zwar Antworten von Dawson's-Creekscher Ausprägung (»Glaub mir, mir wär's lieber, nicht das zu sein, was ich bin, als das zu sein, was ich nicht bin.«), entwickeln hier aber einen durchaus charmanten Witz, eben weil keine distinguierten Antworten von altklugen Teenagern parliert werden, sondern es das Gegenüber versteht, mit pointierter Mimik aufzuwarten, die zeigt, daß es besagten Gemeinplatz nicht verstanden hat.

Überhaupt wissen die Schauspieler größtenteils zu überzeugen: Dem Zuschauer gelingt es mühelos, Empathie mit den Protagonisten zu empfinden, obschon sie es leider nicht immer vermögen, sich dem drehbuchgeschnürten Stereotypenkorsett zu entzwängen. Schlußendlich zeigt sich, daß es einem kleinen und ambitionierten Projekt mit vielen originellen Ideen wohl nicht zuträglich sein kann, wenn es vom ersten Entwurf bis zur endgültigen Fassung über Jahre hinweg durch mehrere Hände wandert und letztlich ein aufgeblähteres Seinerselbst herauskommt, das zu viel gleichzeitig sein möchte und Dinge kopiert, die filmisch auch schon einmal besser umgesetzt wurden. Weniger ist eben manchmal doch mehr.

Sascha Ormanns


Balkan Traffic – Übermorgen Nirgendwo. D/HR/A 2008. R,B: Milan V. Puzi. R: Markus Stein. B: Radoslav Pavkovic. K: Rali Raltchev. S: Petra Zöpnek. P: Hoferichter & Jacobs, Lotus Film. D: Astrit Alihajdaraj, Vladimir Pavic, Marko Pustisek, Heribert Sasse, Petra Schmidt-Schaller u.a.
84 Min. Hoferichter & Jacobs

ab 4.12.08

Präsentiert von Schnitt Magazin


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