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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:31

 

Der seltsame Fall des Benjamin Button

29.01.2009

Die leichtverträgliche Zeitlichkeit des Seins

Daisy ist alt, sehr alt. Während sich um sie herum das Schicksal zu einem Hurrikan zusammenballt, verabschiedet sie sich vom Leben. An ihrem Sterbebett sitzt Tochter Caroline und liest auf ihre Bitte hin aus dem Tagebuch eines gewissen Benjamin Button vor. Von Eleonóra Szemerey

 

Die Geschichte, die sich darauf aus den Zeilen des Schreibers und den Erinnerungen der Zuhörerin entspinnt, erzählt von einem Jungen, der in der letzten Nacht des Ersten Weltkriegs als Greis auf die Welt kam.
Nicht nur die Rahmenhandlung, auch Benjamins Leben beginnt mit Tod und Trennung. Seine Mutter stirbt auf dem Kindsbett, und der Vater, der den Anblick des runzeligen Neugeborenen nicht ertragen kann, setzt ihn am Eingang eines Altenheims in New Orleans aus. Dort wächst er als Adoptivsohn der herzensguten Wirtschafterin Queenie – zwischen äußerlich Gleichaltrigen – vom Greis zum betagten Mann heran, um in die Welt hinauszuziehen. Als einer, der das Loslassen früh lernen muß, dessen Körper im Gegensatz zu seinem Geist immer jünger wird, erlebt er den Fluß der Zeiten in scharf begrenzten Stationen. Nirgendwo kann er lange verweilen, niemanden kann er halten: Er wird zu einem Drifter zwischen den Begebenheiten, einem Beobachter der Menschen, der sein Leben immer wieder aufgeben und neu beginnen muß. Er findet Freunde und Geliebte, um sie wieder zu verlieren, er erlebt Freude und Trauer, Zufall und Schicksal, um schnell festzustellen: Es geht nicht darum, in welcher Richtung das Leben verläuft, sondern darum, was man daraus macht.

In einer Sequenz, in der sich Benjamins große Liebe endlich erfüllen kann, weil er und Jugendfreundin Daisy für eine kurze Weile gleichalt sind, fragt sie ihn: »Wirst du mich noch lieben, wenn ich Falten habe?«. Seine Gegenfrage, ob sie ihn denn noch lieben würde, wenn er Akne hätte, offenbart das Motto dieses Märchens, nach dem die scheinbar entgegengesetzten Erfahrungen von Zeit in Wirklichkeit gar nicht so unterschiedlich sind: Nichts währt ewig und enden werden wir alle in Windeln. So weit, so gut. Und weiter? Leider nichts. Weder haben die historischen Ereignisse, die als Kulisse für Benjamins Leben dienen, Auswirkungen auf den Fortgang der Geschichte, noch erhält man einen tieferen Einblick in die Gedanken und Gefühle der Figuren. Weder ist der seltsame Fall des Mr. Button ein sonderlich spannender, noch bietet er Gelegenheit zu einer interessanten Charakterstudie. Um die Moral des Märchens, die sich letztendlich als sein tragendes Element herausstellt, zu vermitteln, hätte es nicht mehr als die Vorschau benötigt. Und dennoch schafft es Der seltsame Fall des Benjamin Button ohne sichtliche Anstrengung, knappe drei Stunden lang angenehm zu unterhalten.

Obwohl Fight Club-Regisseur David Fincher und Forrest Gump-Autor Eric Roth schnell nichts Neues zu erzählen einfällt, ist es ein Vergnügen, auf die vielfache Variation des Motivs der Vergänglichkeit menschlichen Daseins zu achten. Da ist gleich zu Anfang die Anekdote vom blinden Uhrmacher, der für die Bahnhofshalle einen rückwärts laufenden Zeitanzeiger konstruiert, um den Kriegstod des einzigen Sohnes im Geiste ungeschehen zu machen. Als Rahmen des Rahmens erfährt man dann gen Ende und im Epilog, wie seine Konstruktion 2003 von einer unerbittlichen Digitaluhr verdrängt und zwei Jahre darauf von einem noch unerbittlicheren Unwetter hinfortgespült wird. Da sind die Sequenzen um die sterbende Daisy im neonbeleuchteten Krankenhaus, die warnend die Geschichte des immer jünger werdenden, bei Kerzenschein Abenteuergeschichten lesenden oder unter Gaslampen die Liebe entdeckenden Benjamin durchbrechen. Hier und da wird selbst das Filmmaterial zum Vanitas-Motiv, altert sichtlich, bleicht aus, flackert. Und da sind die stets wiederkehrenden Zwischenschnitte auf bildfüllende Naturphänomene, die als einzige Konstante mit dem ungewöhnlichen Lebenswandel der Hauptfigur mithalten können. (Gelegentlich zu) herzerwärmende Momente um die Güte der Außenseiter, Pralinenschachtel-Weisheiten à la Forrest und epische Schauwerte bei leichtverdaulicher Story bietet Der seltsame Fall des Benjamin Button jedenfalls reichlich. Die technisch-ästhetische Perfektion von Claudio Mirandas ruhiger Kamera- und atmosphärischer Lichtführung oder der Visual¬- und Make-up-Effekte bescherten dem Film bereits 13 Oscar-Nominierungen. Seinen Zuschauern werden sie sicherlich drei Stunden freundlich-unterhaltsame Kinozeit ohne Nachwirkungen bescheren.

Von Eleonóra Szemerey
 

Der seltsame Fall des Benjamin Button. The Curious Case of Benjamin Button. USA 2008. R: David Fincher. B: Eric Roth, Robin Swicord. K: Claudio Miranda. S: Angus Wall, Kirk Baxter. M: Alexandre Desplat. P: Paramount, Warner, TheKennedy, Marshall Company. D: Brad Pitt, Cate Blanchett, Taraji P. Henson, Julia Ormond, Jason Flemyng, Elias Koteas, Tilda Swinton u.a.
166 Min. Warner
ab 29.1.09

Präsentiert von Schnitt Magazin




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