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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:37

 

Der Junge im gestreiften Pyjama

07.05.2009

Freundschaft und Stacheldraht

Die englische Romanverfilmung Der Junge im gestreiften Pyjama schildert den Holocaust aus der Perspektive des Sohnes eines Lagerkommandanten: irritierend naiv und ergreifend aufwühlend. Von Stefan Volk

 

Wer heute einen Film über den Holocaust dreht, begibt sich auf schwieriges Terrain. Einerseits bleibt das reale Grauen auf der Leinwand undarstellbar. Andererseits wurde es schon unzählige Male verfilmt. Der britische Regisseur Mark Herman (Brassed Off) begegnet diesem Dilemma, indem er erst gar nicht versucht, historisch Verbürgtes abzubilden. Für die fiktive, allegorische Geschichte, die er erzählt, wählt er einen außergewöhnlichen Blickwinkel: Der achtjährige Bruno (Asa Butterfield), der im Mittelpunkt der Verfilmung von John Boynes Roman steht, ist der Sohn des Kommandanten eines Vernichtungslagers.

In einer knappen Parallelmontage etabliert Herman seine ungewohnte Erzählperspektive: Deutsche Soldaten treiben jüdische Familien in einem Berliner Innenhof zusammen. Dann rückt Bruno ins Bild, unbeschwert spielend kommt er nach Hause und erstarrt, als er Männer sieht, die Möbel wegschleppen. Doch Brunos Eltern sind keine Juden. Im Gegenteil, sein Vater (David Thewlis) ist eine echte Nazigröße. Den bevorstehenden Umzug „aufs Land“ feiert er mit Parteigenossen. Kurz darauf reist Bruno mit seinen Eltern den deportierten Juden hinterher.

Ohne unnötiges Pathos

So zurückhaltend der Film begann, so entwickelt er sich weiter: ohne unnötiges Pathos, nahezu frei von Schockszenen. Bruno erlebt seinen Vater als liebevollen Papa, auf den er mächtig stolz ist. Die Gewalt findet meist hinter verschlossenen Türen statt, außerhalb des kindlichen Blickfeldes. Das macht den von David Heyman (Harry Potter) produzierten Film jugendtauglich und verstörend zugleich. Herman stellt den Holocaust nicht aus, inszeniert (fast) keine Schreckensbilder. Einige wenige Hinweise genügen, um sie dennoch wachzurufen. Von einem Fenster des neuen Hauses aus kann man das KZ sehen. Bruno wundert sich, dass die „Bauern auf der Farm“ alle Pyjamas tragen. Am nächsten Tag ist das Fenster vernagelt.

Am Schlimmsten ist für den Jungen aber erst einmal die Langeweile. Die Schaukel im Hof vertreibt sie nicht und erst recht nicht der Nazi-Hauslehrer, der vergeblich versucht, Bruno ideologisch auf Kurs zu bringen. Stattdessen träumt Bruno weiter von fantastischen Abenteuern, stiehlt sich heimlich davon und landet bei einer seiner Expeditionen beim Lager. Auf der anderen Seite des Zaunes hockt ein verwahrloster jüdischer Junge: Shmuel (Jack Scanlon). Schnell freunden sich die beiden Kinder an. Unwissentlich begibt sich Bruno dadurch in Lebensgefahr. Natürlich hofft man, dass ihm nichts geschieht, aber es bleibt eine bittere Hoffnung, weil sie die Menschen im Lager nicht mit einschließt. Der Junge im gestreiften Pyjama ist ein ergreifender, aufwühlender, nie rührseliger Film, der sich dem Holocaust auf irritierend naive, zärtliche Weise nähert und gerade dadurch dessen perverse Banalität offen legt.

Stefan Volk


Der Junge im gestreiften Pyjama. The Boy in the Striped Pyjamas. GB/USA 2008. R,B: Mark Herman. K: Benoît Delhomme. S: Michael Ellis. M: James Horner. P: BBC Films, Heyday Films, Miramax Films. D: Asa Butterfield, Jack Scanlon, David Thewlis, Vera Farmiga, Amber Beattie, Rupert Friend, Sheila Hancock, Richard Johnson u.a. 94 Min. Concorde ab 7.5.09


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