Als Colettes Roman Chéri 1920 erschien, war das eine Abrechnung mit den Oberflächlichkeiten und der Doppelmoral der Belle Epoque, die damals gerade erst zu Ende gegangen war. Heute, über 80 Jahre später, ist diese aktuelle Brisanz beschaulicher Nostalgie gewichen. Und es würde schon gezielter Irritationen oder Provokationen erfordern, um das satirische Potential des verstaubten Stoffes aufs Neue auszuschöpfen. Davon aber ist Stephen Frears Verfilmung weit entfernt. Der britische Regisseur erzählt die Geschichte der alternden Luxuskurtisane Léa, die sich in Chéri, den Sohn einer Kollegin, verliebt, der später eine Jüngere heiratet, aber seine Geliebte doch nicht vergessen kann, mit viel Dialogwitz, einer charismatischen Michelle Pfeiffer, einem schnippisch-verträumten Rupert Friend, der einen wunderbaren Dandy abgibt, opulenter Ausstattung, souveräner Kameraführung – und: enttäuschend harmlos.
Die liebenswert formulierte, bunt und sonnig inszenierte Kritik an einer Gesellschaft aus den Geschichtsbüchern dürfte heute kaum noch jemanden treffen. Wer sucht, mag zwar reichlich aktuelle Bezüge finden. Es wird aber niemand damit konfrontiert. Natürlich geht es um zeitlose Dinge wie Altern, Schönheit und falschen Schein, die sich im Film in köstlichen Spiegelfechtereien und spitzzüngigen Wortgefechten wiederfinden. Doch vom wahren Leben, das sich dahinter verbirgt, ist auch bei Frears kaum etwas zu spüren. Michelle Pfeiffer überzeugt, wenn sie erhobenen Hauptes durch Ballsäle und Schlafgemächer stolziert oder beim Nachmittagstee süffisante Seitenhiebe verteilt, aber die trauernde Liebende nimmt man ihr ebenso wenig ab, wie ihrem narzisstischen Widerpart.
Und nicht einmal spürbare Sinnlichkeit gesteht Frears seinen puppenhaften Figuren zu, stattdessen beobachtet er ihr Treiben brav, bieder und leidenschaftslos aus züchtiger Distanz. So plätschert der muntere, nette Film durchaus unterhaltsam dahin. Wer sich zwischendurch für eine halbe Stunde an die Kinobar zurückzieht, verpasst aber kaum etwas. Außer ein paar sarkastischen Bemerkungen vielleicht. Chéri – Eine Komödie der Eitelkeiten lautet der deutsche Verleihtitel des Streifens. Das darf durchaus wörtlich verstanden werden. Denn Chéri versucht sich zwar als Lehrstück über Eitelkeiten, endet aber als hübsches, eitles Filmchen.