Man mag die Handlung banal finden, die von einem Paar erzählt, das sich nach dem Tod des gemeinsamen Kindes in ein Waldhaus zurückzieht. Er, der Therapeut, versucht Sie, die gequälte Mutter, von ihren Schuldgefühlen zu befreien. Sie, das Weib, will ihr Leid wegficken. Er, ganz vernünftig, Sie mit ihren – oder seinen? – Ängsten konfrontieren. Beides geht gründlich schief. Im finstern Wald öffnen sie das Tor zu ihrer inneren Hölle. Da mag man die ständigen Anspielungen an den Leidensweg Christi, mit denen diese Teufelsszenen einer Ehe untermalt werden, aufgesetzt, banal oder theologisch unhaltbar finden.
Man kann sich über das abgeschmackte Bild vom Blut ejakulierenden Penis ereifern, es als Weiblichkeitsphobie des Regisseurs abstempeln, wenn er zeigt, wie Sie sich selbst beschneidet. Man kann den manchmal quälend trägen Erzählrhythmus bemängeln, sich über die Horrorsequenzen in der zweiten Hälfte echauffieren. Alles viel zu zerfahren, widersprüchlich und unausgegoren finden.
Oder man kann es stets auch genau anders sehen. So oder so, kaum einen wird dieser Film kalt lassen. Lars von Triers Antichrist setzt in emotionalen Schichten etwas in Gang, die 99 von 100 Filmen nie berühren. Er ist großartig gespielt, sibyllinisch erzählt. Aber vor allem: er steckt voller wunderbarer Kinobilder. Wenn Sie in Superzeitlupe wie in magisches Licht getaucht durch den erstarrten Wald schwebt, weiß man wieder, dass eine mutige Filmkamera auch heute noch mehr vermag, als sich hinter der Story zu verstecken.