Die Latte liegt hoch. Und mit jeder neuen Pixar-Produktion fürchtet man, irgendwann doch enttäuscht zu werden. Bei Oben ist das wieder nicht der Fall. Von STEFAN VOLK
Ob das 3D-Kino eine Zukunft habe, liest man immer wieder, entscheide sich mit James Camerons Avatar. Für den Realfilm mag das stimmen. Was aber das Animationskino betrifft, hat das Rätselraten nun ein Ende. Das 3D-Kino beherrscht bereits die Gegenwart. Dass der CGI-Schmiede Pixar mit Oben, der als erster Animationsfilm die Filmfestspiele in Cannes eröffnete, ein richtungsweisendes Werk gelang, liegt aber nicht an besonders spektakulären räumlichen Effekten. Im Gegenteil ist es die souveräne Zurückhaltung, mit der das Team um Regisseur Pete Docter (Die Monster AG) die dreidimensionale Darstellung in den Dienst der Geschichte stellt, die das 3D-Kino vor einem Rückfall in die Zeiten des Jahrmarktkinos bewahrt.
Diese Zurückhaltung ist es auch, wodurch sich die schönsten Pixar-Filme so wohltuend von der oft schrillen Konkurrenz abheben. Zu Recht wurde Pixar-Chef John Lasseter, zugleich Kreativleiter des Mutterkonzerns Disney, in Venedig nun mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Es sind die ausgefeilten Charaktere, die klugen und – für das, was man bis dahin aus dem Hause Disney kannte – ungewöhnlich melancholischen Geschichten, die einem bei einer Pixar-Produktion in Erinnerung bleiben. Erst im Nebensatz bemerkt man dann, dass auch die Animation mal wieder vorzüglich war.
Oben erzählt nun nicht nur eine, sondern gleich zwei Geschichten. Wobei die erste, kürzere die schönere ist. Der Film beginnt, wie schon der Oscar-prämierte Wall-E nahezu wortlos. In einem Genre, das gemeinhin so hektisch drauflos quasselt, als könne man Langeweile totquatschen, eine weitere mutige Pixar-Entscheidung. Im Zeitraffer durchlebt man eine große Liebe. Der kleine Carl, ein Außenseiter und begeisterter Naturforscher, begegnet auf dem Dachboden eines leerstehenden Hauses einem seelenverwandten Mädchen. Gemeinsam träumen Ellie und er von einer Entdeckungsreise zu den Paradise Falls im Amazonas-Gebiet. Die beiden werden älter und aus der Kinderfreundschaft erwächst eine zärtliche, innige Liebe. Doch der Traum von Südamerika bleibt ebenso unerfüllt wie ihr Kinderwunsch. Und als sie dann im Rentenalter endlich Zeit und Geld für die Reise hätten, erkrankt Ellie und stirbt. Erst jetzt, nach diesem wundervollen Kurzfilm, beginnt die zweite, eigentliche Geschichte. Skrupellose Spekulanten haben es auf Carls Haus abgesehen. Doch als der alte Mann zwangsweise in ein Seniorenheim eingeliefert werden soll, befestigt er über Nacht Tausende Luftballons an seinem Haus und schwebt so in Richtung Paradise Falls auf und davon. Nichtsahnend, dass sich auch der achtjährige Pfadfinder Russell mit an Bord befindet. Gemeinsam fliegen die beiden nun einem aufregenden, heiteren, nicht mehr ganz so originellen Abenteuer entgegen. Aber auch wenn sich am Ende ein wenig Disney-Kommerz in die Pixar-Kunst schmuggelt, bereitet der Film insgesamt doch soviel Vergnügen, dass es fast keine Rolle mehr spielt, ob in 2 oder 3D.
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