Regisseur Steven Soderbergh betreibt ein ruppiges Wechselspiel zwischen Komik und Suspense. Das Problem ist dabei nicht, dass der Film aus dem Gleichgewicht gerät, sondern dass er dramaturgisch verflacht. Von STEFAN VOLK
Er hat schon (fast) alles gedreht: Horrorstreifen (Freeze), Science-Fiction (Solaris), Biopic (Che), Gangsterkomödien (Ocean’s 11 bis 13), Wirtschafts- (Erin Brockovich) und Drogendrama (Traffic); Kunst- und Kommerzkino. In The Informant! verrührt US-Regisseur Steven Soderbergh seine gesammelten Erfahrungen nun zu einem eigenwilligen Genre- und Stilmix: irgendwo zwischen Corporate-Crime-Thriller und schrulliger Komödie. Die Anspielungen an Michael Crichtons Die Firma sind dabei keineswegs zufällig. Denn im Grunde entwirft The Informant! ein ganz ähnliches Szenario.
Inspiriert vom realen Wirtschaftsspionagefall um Mark Whitacre und Kurt Eichenwalds Buch darüber (The Informant: A True Story) erzählt Soderbergh die Geschichte eines Biochemikers, der sich bis zum Vizepräsidenten eines Lebensmittelkonzerns hochgearbeitet hat. Als es eines Tages bei der Entwicklung eines Zusatzstoffes Schwierigkeiten gibt, und Whitacre (Matt Damon) eine dubiose japanische Firma ins Spiel bringt, die für einige Millionen Dollar bereit wäre, einen angeblichen Saboteur des Projekts zu enttarnen, schaltet die Firmenleitung das FBI ein. Whitacre gerät dadurch zunächst in die Defensive, wendet sich dann aber mit einem überraschenden Geständnis an die ermittelnden Beamten: sein Konzern betreibe geheime Preisabsprachen mit der Konkurrenz, um so den Weltmarkt auf illegale Weise zu kontrollieren. Daraufhin gewinnt das FBI Whitacre als Informanten. Er versteckt Tonbandgeräte und Kameras in Firmenbüros und fühlt sich anfangs in der Rolle des Geheimagenten sichtlich wohl. Ein James Bond wird aus ihm aber trotzdem nicht; und auch kein Jason Bourne. Der Witz von Soderberghs Film besteht nämlich gerade darin, dass er den Thriller-Plot einem durch und durch biederen, unscheinbaren Mann mit bipolarer Sehstörung auf die Schultern legt, der so gar nichts von einem smarten Spion oder „talentierten Mr. Ripley“ hat. Und anstatt sich dem realen Vorbild versuchsweise anzunähern, gibt der schnauzbärtige Bürokauz vor allem Rätsel auf.
Matt Damon interpretiert die zwielichtige Gestalt mit dicker Brille und altmodischem Seitenscheitel nah an der Karikatur. Dazu passt, dass er das Geschehen zwar aus dem Off kommentiert, sich dabei die meiste Zeit aber in munter dahergeplapperten Belanglosigkeiten wie der Frage, wieso Eisbären schwarze Nasen haben, verliert. Das ist vor allem deshalb so absurd und krude, weil Soderbergh trotz dieser komödiantischen Elemente auf der Ernsthaftigkeit seines Thrillers beharrt. Die beiden gegensätzlichen Genres vermengen sich eben nicht zur Parodie, sondern reiben sich im permanenten Widerspruch aneinander. Darum weiß man nie so recht, ob sich nun hinter der tapsigen Fassade ein genialer Trickbetrüger verbirgt oder nicht einfach die ganze Charade lächerlich ist.
Bei einem solchen Spagat zwischen den Genres die Balance zu wahren, ist keine einfache Sache. Aber Soderbergh kommt es darauf auch gar nicht an. Er nimmt es gerne in Kauf, dass sein in anachronistisch verwaschene Farben getauchter Film unvermittelt vom Thrillerplot in eine Komödienszene hineinstolpert oder umgekehrt. Offensichtlich soll nichts an The Informant! glatt und rund wirken. So lustvoll zelebriert Soderbergh seinen ruppigen Inszenierungsstil mit Zeit-, Handlungssprüngen, dass sich nicht einmal entscheiden lässt, ob Matt Damon, der im Biedermannkostüm meist wie ein halbherzig verkleideter Beau wirkt, nun eine Fehlbesetzung darstellt oder auch das Absicht ist. Die eigentliche Gefahr beim Wechselspiel zwischen Komik und Suspense ist daher auch nicht, dass der Film aus dem Gleichgewicht gerät, sondern vielmehr, dass er dramaturgisch verflacht. Tatsächlich stehen sich die einzelnen Genreversatzstücke mit ihren unterschiedlichen Rezeptionsanforderungen bisweilen im Weg. Dann ist man zu nah dran, um über Whitacre zu lachen, oder zu weit weg, um sich von seinem Schicksal mitreißen zu lassen. Oft aber ist Soderberghs Genrehybrid nicht nur richtig lustig oder spannend, sondern sogar beides zugleich.
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