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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:53

Hans Magnus Enzensberger: Ich bin keiner von uns

21.01.2010

Aufwärts, nicht vorwärts

Ein Baum habe einen Standpunkt, sagt Hans Magnus Enzensberger. Er aber sei ein Mensch, und der Mensch habe gegenüber dem Baum den Vorteil, dass er sich bewegen könne. - Wohl wahr...

 

Hans Magnus Enzensberger ist witzig, originell und artikuliert. Dem können auch jene zustimmen, die ihm auf seinen verschlungenen Pfaden der politischen Gesinnung nicht zu folgen vermochten. Er hat es seinen Bewunderern nicht leicht gemacht, sei es aus Freude am schalkhaften Spiel, sei es aus Ärger über die „eigenen Leute“, sei es aus Wendigkeit des Denkens. Opportunismus dürfte man bei ihm, anders als bei manchen zeitweiligen Weggenossen, ausschließen. Dafür waren seine Stellungnahmen, etwa zum Golfkrieg, zu unpopulär.

 

Der Suhrkamp Verlag stellt seine Filmedition nicht unter dem Gesichtspunkt filmischer Qualität zusammen. In sie wird aufgenommen, wer zum Buchprogramm des Hauses gehört. So ist Enzensbergers Dokumentarfilm über den spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti wegen seines Stoffs und seiner Informationen interessant; in seiner Machart ist er konventionell. Auch Dagmar Knöpfels Kostümfilm „Requiem für eine romantische Frau“ hätte bei Suhrkamp keine Chance, wenn nicht Enzensberger das Treatment geschrieben hätte. Filmisch weitaus gewagter ist das Porträt, das Ralf Zöller unter dem Titel „Ich bin keiner von uns“ von Enzensberger entworfen hat und das Enzensbergers Gedichte weniger illustriert als assoziativ mit Bildern begleitet. Hinzu kommen ein längeres Gespräch mit Alexander Kluge und, für die Persönlichkeit Enzensbergers vielleicht am aufschlussreichsten, Fernsehsendungen über den Dichter und Essayisten und die politische Figur.

 

Kritische Empfindlichkeit

Ein Baum habe einen Standpunkt, sagt Hans Magnus Enzensberger. Er aber sei ein Mensch, und der Mensch habe gegenüber dem Baum den Vorteil, dass er sich bewegen könne. Wohl wahr. Dennoch möchte man den Enzensberger, der eine Algerienausstellung eröffnet oder zu den Notstandsgesetzen spricht, gegen den Enzensberger von heute in Schutz nehmen. Bei seiner Rede zu den Notstandsgesetzen sieht man im Publikum eine Ansammlung von Geistesgrößen, von denen viele mittlerweile verstorben sind. Wo Enzensberger heute auftritt, kann er mit solch einem Publikum nicht rechnen. Aber das liegt vielleicht weniger am fehlenden Standpunkt als daran, dass es solch ein Publikum nicht mehr gibt. Im Übrigen beweisen diese TV-Dokumente, dass 1968 nicht vom Himmel gefallen ist, sondern eine Vorgeschichte hatte. Nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland, wo es, mit einem Gedicht von Enzensberger, aufwärts, aber nicht vorwärts geht. Aufwärts, aber nicht vorwärts: auch dies eine Bewegung.

 

Im Übrigen ist die kritische Empfindlichkeit gegenüber ideologischen Verbohrtheiten und mangelnder Selbstreflexion der Linken, in die sich Enzensberger in einem Gespräch mit Klaus Podak ausdrücklich mit einbezieht, sogar sympathisch. Man würde sich nur wünschen, dass sich auch mal ein Rechter fände, der sein eigenes Umfeld, etwa die Ideologie des Neoliberalismus oder des Katholizismus, ähnlich kritisch und öffentlich anprangert. Einem Sartre stand noch ein Raymond Aron gegenüber. Wo ist der deutsche Aron? Dass man seine Meinungen ändern, aber eine Konstanz der Haltung fordern könne, und dass man selbst am wenigsten berufen sei, seine eigene Haltung zu beurteilen – wer würde diesen fast schon banalen Wahrheiten widersprechen? Und was Enzensbergers moralische Abwertung der Konsequenz angeht, sei auf das „Lob der Inkonsequenz“ des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski verwiesen: Eigentlich ist dort schon alles gesagt.

 

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