Die Konzentration auf die Figur von Valentin, mit dessen naiven und bewundernden Augen wir den großen Schriftsteller anblicken sollen, bringt allerdings statt frischer Luft jene Banalität ins Spiel, die den Film vor allzu großem Tiefgang bewahrt. Die junge Liebe von Valentin und Mascha taugt auch wenig als Spiegelung der »reifen« Beziehung zwischen Tolstoi und Sofia, denn in ihrer Geradlinigkeit und Trivialität entfernt sie sich denkbar weit vom Lebens- und Vorstellungskreis des russischen Klassikers.
Problematisch ist auch der etwas aufdringliche Versuch, krisenhafte psychologische Zustände durch affektive Handlungen zu akzentuieren. Vor allem Sofia, von Helen Mirren verkörpert, muß ihre Sensibilität etwa mit einem Pistolenschuss auf das Foto des Widersachers Tschertkow oder mit einem slapstickreifen Wohnzimmerauftritt durch das Fenster unter Beweis stellen. Gerade der Vergleich mit Gerasimovs Film macht deutlich, daß subtilere Töne hier viel größere Wirkung erzielen würden.
Während Tolstoi die spirituelle Suche bis zuletzt nicht aufgeben kann und in seiner Unruhe noch kurz vor dem Tod das Familienhaus verläßt, steuert der Film schon auf das versöhnliche Finale zu. Als der große Dichter, von der Lungenentzündung befallen, die Reise unterbrechen muß und auf der Bahnstation Astapowo im Sterben liegt, steigt das Pathos fast ins Unerträgliche, bis die kathartische Auflösung unvermeidlich wird. Aber vielleicht würde Tolstoi für so eine sentimentale Vereinfachung sogar gewisses Verständnis aufbringen. Er war ja schließlich derjenige, der zusammen mit Tschertkow einen Verlag initiierte, der Literaturklassiker dem einfachen Volk in einer billigeren Aufmachung zugänglich machen sollte.
Die Zeiten ändern sich, jetzt erobert man die Massen eben mit aufwendigeren Produktionen. Der bunte Bilderbogen mit Starbesetzung und großzügig gestreuter Situationsdramatik ist heute anscheinend der beste Weg, das Interesse am klassischen Erbe zu wecken. So löst der Film im Endeffekt sogar tatsächlich das aufklärerische Vermächtnis des großen Russen ein.