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Mittwoch, 08. Februar 2012 | 07:17

An Education

18.02.2010

Ausbruchstimmung

Dieser Film erzählt mit betörenden Mitteln von den Lehrjahren des Herzens, voller Kitsch und Wahrhaftigkeit, voller Empathie für seine Figuren und mit einer großen Warmherzigkeit. Von CARSTEN HAPPE

 

Die Swinging Sixties sind nicht einmal als ferne Schemen am Horizont zu erkennen, selbst die Beatles mühen sich noch auf der Kellerbühne des Cavern Club ab – ihr Durchbruch mit dem ersten Album ist 1961 die Ewigkeit von zwei Jahren entfernt. Auch wenn der Rock’n’Roll seit einiger Zeit die Jugend elektrisiert, in den Londoner Vorstädten ist nur wenig davon zu spüren. Der lange Schatten des Zweiten Weltkriegs taucht Twickenham südwestlich der Themse noch immer in ein diffuses Grau, die kleinbürgerlichen Verhältnisse sind eng geschnürt wie ein altmodisches Korsett.

Die Ausbruchsstrategie der 16jährigen Jenny ist bestmögliche Bildung: Gute Noten sollen ihr einen Studienplatz in Oxford garantieren. Als Lehrerin – so ihr Ziel – möchte sie, wenn auch kein luxuriöses, so doch ein eigenverantwortliches Leben führen. Bis David eines verregneten Nachmittags in ihre überschaubare Welt tritt, doppelt so alt wie Jenny, augenscheinlich wohlhabend, charmant vom Scheitel bis zur Sohle, in den besten, weil aufregendsten Kreisen zuhause. Er entführt den Backfisch in ein Universum aus Cocktailparties, Nachtclubs und klassischen Konzerten, bis sie unrettbar dem mondänen Leben verfallen ist – einer „education sentimentale“ gleich, wie sie Flaubert bereits 150 Jahre zuvor seinem Protagonisten Frédéric Moreau angedeihen ließ, der sich in umgekehrter Konstellation mit einer älteren Frau dem Lotterleben in Paris hingab.

 

Nun ist Nick Hornby, der hier erstmals ein Drehbuch verfasste, das nicht auf einem seiner immens erfolgreichen Romane basiert, kein Flaubert, doch die Sehnsucht nach Paris dominiert gleichermaßen auch Jennys Träume. Die Liaison mit David eröffnet ihr die einmalige Chance, sie Wirklichkeit werden zu lassen – selbst die mahnenden Worte der konservativen Eltern kapitulieren vor der einnehmenden Art des so seriös wirkenden Lebemanns –, allein ihr eigenes schlechtes Gewissen, den sorgsam aufgebauten Lebensplan für eine glitzernde Seifenblase dranzugeben, die jeden Moment zu platzen droht, widerstrebt der allumfassenden Glückseligkeit, die Jenny nach dem besten Abend ihres Lebens und den folgenden, nicht schlechteren, verspürt.


Dieser innere Konflikt ist es, der An Education bei allem Liebreiz ein wenig Missstimmung beimengt – ansonsten gelingt Regisseurin Lone Scherfig eine traumwandlerisch dahinschwebende, perfekt getimte Inszenierung des Freudentaumels, mit geschliffenen Dialogen und zeitlos schönem Design, das die Atmosphäre der frühen 1960er maßstabsgetreu auf die Leinwand zaubert.

 

Ein hervorragendes Darstellerensemble

Doch selbst all das verblasst gegen ein Darstellerensemble, das bis in die kleinsten Nebenrollen, etwa mit Emma Thompson oder Sally Hawkins, herausragend besetzt ist. Das dem zuletzt jahrelang als Bösewicht verramschten Alfred Molina endlich wieder Gelegenheit gibt, als Jennys Vater sein komödiantisches Talent voll auszuschöpfen, und Peter Sarsgaard nach unzähligen unscheinbaren Supporting Acts in den Status eines Leading Man hievt. Aber auch sie werden überstrahlt von einer umwerfenden Carey Mulligan in der Hauptrolle der hin- und hergerissenen Jenny, die sich dem Rausch des ausschweifenden Nachtlebens hingibt und sich trotzdem nicht in ihm verliert, die vom biederen Schulmädchen zu einer anmutigen jungen Lady reift. Vergleiche mit der aufstrebenden Audrey Hepburn wurden seit der Premiere bei der letztjährigen Berlinale des Öfteren bemüht und drängen sich, zumindest was die Optik betrifft, möglicherweise auch auf.

 

Man sollte sie vor allem aber als Ausdruck der Wertschätzung für eine junge Schauspielerin lesen – und für den Film, der sie zum Star macht und mit betörenden Mitteln von den Lehrjahren des Herzens erzählt, voller Kitsch und Wahrhaftigkeit, unendlicher Empathie für seine Figuren und einer Warmherzigkeit, wie sie Nick Hornby selbst in den besten Momenten seiner Romane bislang nicht gelungen ist.

 

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