Die Swinging Sixties sind nicht einmal als ferne Schemen am Horizont zu erkennen, selbst die Beatles mühen sich noch auf der Kellerbühne des Cavern Club ab – ihr Durchbruch mit dem ersten Album ist 1961 die Ewigkeit von zwei Jahren entfernt. Auch wenn der Rock’n’Roll seit einiger Zeit die Jugend elektrisiert, in den Londoner Vorstädten ist nur wenig davon zu spüren. Der lange Schatten des Zweiten Weltkriegs taucht Twickenham südwestlich der Themse noch immer in ein diffuses Grau, die kleinbürgerlichen Verhältnisse sind eng geschnürt wie ein altmodisches Korsett.
Die Ausbruchsstrategie der 16jährigen Jenny ist bestmögliche Bildung: Gute Noten sollen ihr einen Studienplatz in Oxford garantieren. Als Lehrerin – so ihr Ziel – möchte sie, wenn auch kein luxuriöses, so doch ein eigenverantwortliches Leben führen. Bis David eines verregneten Nachmittags in ihre überschaubare Welt tritt, doppelt so alt wie Jenny, augenscheinlich wohlhabend, charmant vom Scheitel bis zur Sohle, in den besten, weil aufregendsten Kreisen zuhause. Er entführt den Backfisch in ein Universum aus Cocktailparties, Nachtclubs und klassischen Konzerten, bis sie unrettbar dem mondänen Leben verfallen ist – einer „education sentimentale“ gleich, wie sie Flaubert bereits 150 Jahre zuvor seinem Protagonisten Frédéric Moreau angedeihen ließ, der sich in umgekehrter Konstellation mit einer älteren Frau dem Lotterleben in Paris hingab.
Nun ist Nick Hornby, der hier erstmals ein Drehbuch verfasste, das nicht auf einem seiner immens erfolgreichen Romane basiert, kein Flaubert, doch die Sehnsucht nach Paris dominiert gleichermaßen auch Jennys Träume. Die Liaison mit David eröffnet ihr die einmalige Chance, sie Wirklichkeit werden zu lassen – selbst die mahnenden Worte der konservativen Eltern kapitulieren vor der einnehmenden Art des so seriös wirkenden Lebemanns –, allein ihr eigenes schlechtes Gewissen, den sorgsam aufgebauten Lebensplan für eine glitzernde Seifenblase dranzugeben, die jeden Moment zu platzen droht, widerstrebt der allumfassenden Glückseligkeit, die Jenny nach dem besten Abend ihres Lebens und den folgenden, nicht schlechteren, verspürt.
Dieser innere Konflikt ist es, der An Education bei allem Liebreiz ein wenig Missstimmung beimengt – ansonsten gelingt Regisseurin Lone Scherfig eine traumwandlerisch dahinschwebende, perfekt getimte Inszenierung des Freudentaumels, mit geschliffenen Dialogen und zeitlos schönem Design, das die Atmosphäre der frühen 1960er maßstabsgetreu auf die Leinwand zaubert.