Malik lernt. Wieder spuckt er die Rasierklinge in das schmutzige Waschbecken und betrachtet verzweifelt sein blutiges Gesicht im Spiegel. Töten und sprechen lernen soll Malik mit einer Klinge zwischen den Zähnen und Reyeb heißt sein Opfer, dem er in seiner Zelle die Kehle durchschneiden muss. Malik El Djebena hat keine Wahl, denn er kennt niemanden „da draußen“ und kann mit 19 Jahren weder lesen noch schreiben. Zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, braucht er den Schutz der korsischen Mafia, für den ihr Chef César Luciani eine Gegenleistung erwartet: „Dass du träumst, dass du lebst, dass du denkst, verdankst du mir!“, schreit er ihn an und Malik erledigt Auftrag um Auftrag, tötet, schmuggelt und wird zu Césars Hand und Auge im Knast-Krieg mit „den Bärtigen“ des muslimischen Mafia-Clans. Maliks Fähigkeiten wachsen mit seinen Aufgaben und durch sein Wissen gelangt er schließlich selbst zu Macht.
Für Ein Prophet wurde Jacques Audiard in Cannes begeistert gefeiert und mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet. Die Goldene Palme musste er Michael Haneke überlassen, gegen den er auch für den Oscar in der Kategorie bester fremdsprachiger Film angetreten ist. In Frankreich gab es neun Césars, unter anderem als bester Film, Regie, Kamera und Buch. Audiard hat für seinen Film völlig unbekannte Gesichter gesucht und mit seinem Cast Maßstäbe gesetzt. Mit einer neuen Art von Typen („un nouveau prototype de mecs“), hat Audiard seinen Film besetzt. Schauspieler maghrebinischer Herkunft, aus kleinen TV-Produktionen: „Pack“ wie Nicolas Sarkozy es 2005 gern aus den Pariser Vororten gekärchert hätte.
Für Tahar Rahim (Malik) ist es der erste große Kinoerfolg, für den er gleich doppelt als bester Schauspieler und bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde. Entdeckt hat ihn Audiard in der Serie La commune auf Canal+ über die Pariser „banlieues“. Dieser Film zeigt eine neue Generation Schauspieler und prophezeit eine neue soziale Wirklichkeit Frankreichs; ein Gegenbild zum republikanischen Integrationsmodel, das jeden aufnimmt und aufsteigen lässt, der an die Ideale der „grande nation“ glaubt. Wer nicht in dieses Bild passt, wird eingesperrt, in Gefängnisse oder die Wohnsilos der Vororte. Ein allgemeines Problem mit sehr französischer Ausprägung.
Die staatliche Besserungsanstalt pervertiert hinter ihrem humanistischen Anspruch zum schlechten Gewissen der Gesellschaft und wird zu ihrem Spiegelbild. Der „french dream“ von „liberté, égalité, fraternité“ ist längst eine Farce und französische Gefängnisse haben bei Amnesty International traurige Berühmtheiten erlangt. Was Malik erfährt, hat wenig mit Reintegration zu tun. Das hegelsche Machtspiel zwischen Herr und Knecht ist Knastgesetz. Skandalös ist daran jedoch, dass sich Maliks Fähigkeiten zu Demut und Herrschaft auch wunderbar für die Welt da draußen eignen und ihm eine Freiheit ermöglichen, für die er keine Gitterstäbe mehr durchfeilen muss.