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Dienstag, 07. September 2010 | 15:40

Inception - ab heute im Kino!

29.07.2010

Der Stoff aus dem die Träume sind

Ein Ungleichgewicht zwischen ansprechender Optik und der Bedeutung des Inhalts ist nicht nur charakteristisch für Träume, ein anschauliches Beispiel dafür ist Christopher Nolans Science-Fiction-Thriller. In der labyrinthischen Gigantomanie der verschachtelten Handlungsebenen ist der Regisseur und Drehbuchautor noch verlorener als seine Charaktere. Von LIDA BACH

 

In einer fiktiven nahen Zukunft stellt der Berufsverbrecher Dom Cobb (Leonardo DiCaprio), ein mentaler Spion, spezialisiert darauf seinen Opfer in deren Träumen ihre Geheiminformationen zu stehlen, mit der genannten Aufgabe die traumbildnerischen Fähigkeiten der jungen Ariadne (Ellen Page) die Probe. Ihre ersten Lösungsvorschläge verwirft er als zu simpel: „Das muss besser werden!“ Besser bedeutet für Christopher Nolan komplizierter. Sein futuristischer Thriller verfolgt auf mehreren in einander übergehenden Handlungsebenen eine Gruppe von Traum-Manipulatoren bei dem Versuch der „Inception“, dem Implantieren eines fremden Gedanken in der Psyche des Träumers. Der Industriellen Mr. Saito (Ken Wantanabe) überredet den wegen Mordes gesuchten Cobb zur „Inception“ bei dem Firmen-Erben Robert (Cillian Murphy). Durch dessen verschlungene Hirnwindungen hetzen die Protagonisten, verfolgt vom Hirngespinst Cobbs toter Frau (Marion Cotillard). Die „Inception“ fungiert als großer Coup, um den sich der Plot im Stil eines futuristischen Caper-Movies dreht.

 

Der Wunsch ist der Vater des Gedanken – auch bei Nolan, der es für spannend hält die unübersichtlichen Handlungsebenen von Traum im Traum im Traum zu den in „Inception“ beschworenen „geschlossenen Schleifen“ zu verschlingen. Dabei sind die zahlreichen, effekthascherisch inszenierten Parallelhandlungen nur eine überflüssige Ablenkung von den relevanten Ereignissen. Selbst Ariadne verliert da den Faden: „In wessen Unterbewusstsein genau gehen wir jetzt?“ Je tiefer die Protagonisten in das Unterbewusstsein vordringen, desto oberflächlicher verläuft die Dramatik. Wie alptraumhaft das Leben in einer Welt, in der selbst das Unterbewusstsein Eindringlingen ausgesetzt ist sein muss, wie paranoid die Gesellschaft, in der die Handlung spielt, thematisiert „Inception“ nicht.

 

Die bemüht tiefgründigen Dialoge unterstreichen die emotionale und intellektuelle Leere unfreiwillig: „Ich dachte, bei Träumen geht es nur um das Visuelle, aber es geht um die Gefühle.“ Nolans maßlose visuelle Spielereien besagt das Gegenteil. Im Szenenbild lösen moderne Architektur, Verfall und Eislandschaften einander ab: „In der Realität hätten wir uns entscheiden müssen, aber hier nicht.“, erklärt Cobb den Reiz der Traumwelt, in der er Regie führt wie hinter der Kamera Nolan. Der Regisseur und sein Hauptcharakter erschaffen beide für sich aktiv eine künstliche Realität, der eine filmisch,d er andere träumerisch. Doch das Potential dieser Gemeinsamkeit von Film und Traum ignoriert „Inception“ zugunsten gewaltiger Effekte, die Ariadne staunen lassen: „Es ist einfach pure Kreativität.“ Sie, Cobb und die Zuschauer liegen währenddessen im Tiefschlaf.

 

Sweet Dreams are made of this

Der suggestiven Tagline des Filmposters wird das Verworrene Handlungsgeflecht niemals gerecht. „Dein Verstand ist der Ort des Verbrechens.“, klingt nicht nur gefährlich nach Orwell´schem Though Crime, sonder spielt auf die Profession Cobbs an: ein Gedankenräuber, der seine Opfer bestiehl, wenn sie am hilflosesten sind: im Schlaf. In die Intimsphäre ihrer Träume dringt er ein, um ihnen ihre persönlichsten Geheimnisse zu stehlen. Gewissenskonflikte ob der moralischen Richtigkeit spüren weder Filmfigur noch Regisseur. Gerechtfertigt wird Cobbs Vorgehen auf denkbar unbefriedigende Weise durch die wirtschaftlichen Interessen des Milliarden schweren Konzernchefs Saito. Seine Konkurrenzfirma dürfe keine Weltmacht werden, heißt es vage. Cobbs dafür durchgeführte „Inception“ in Fishers Unterbewusstsein wirkt dennoch so perfide wie Charles Foster Kane den „Rosebud“-Schlitten zu klauen (Eine einzelner Medienmogul darf nicht so mächtig werden).

 

Die zahlreichen Ungereimtheiten der Schlusssequenz ließen sich als hintergründige Subversion der Handlung interpretieren. Näher liegt es nach dem Actionplot, dass Nolan inszenatorische Feinheiten zugunsten der Botschaft seines wenig überzeugenden Happy Ends ignorierte: Verträume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume. Dass klang schon plump, als es vor 10 Jahren im Poesie-Album stand. Ohnehin schrieben es nur Klassenkameradinnen, die unbedingt den Platz voll kriegen wollten, obwohl ihnen nichts Intelligentes einfiel. Träumt man sich einen Film daraus, wäre es Nolans „Inception“.

 

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