Mehr Gesellschaftspanorama, weniger Handlung
Dabei geht es dem Film weniger um die Erzählung einer Geschichte, als um die Aufzeichnung eines Gesellschaftspanoramas. Die einzelnen Szenen fokussieren sich auf Charakterzüge, Beziehungen oder Situationen; sie sind nicht handlungstragend, wie man es vom gängigen Erzählkino gewohnt ist. Konkret geht es um die junge Bauleiterin Linda, die sich in einer ménage-à-trois zwischen dem Baubrigadier Hans Böwe und dem Studenten Daniel entscheiden muss und dabei in erster Linie in ihrem Beruf voran kommen will. Für die richtigen Termine, Zahlen und Betonplatten setzt Linda auch mal ihre weiblichen Reize ein. Diese Tauschwirtschaft unterläuft die sozialistische Planwirtschaft. Betonplatten werden gegen Festmeter Holz getauscht und Sexappeal gegen bevorzugte Behandlung.
Heidemarie Wenzel spielte die beflissene Linda sehr akkurat und zugleich mit einer weichen, Sympathie erzeugenden Wärme. Der Baubrigadier Hans Böwe wurde wunderbar von Günter Naumann gespielt, gleichzeitig kantig, stoisch und auf eine männliche Weise verletzlich. Während der sozialistische Vorzeigearbeiter nichts von privaten Tauschgeschäften hält, ist sein eigenes Privatleben in Folge der vielen Aufbauarbeit schon längst zusammengestürzt – nur der Alkohol hält ihn aufrecht. Der zeitgenössische Vorzeigearbeiter erhält heutzutage, im Unterschied zum System des Sozialismus, zumindest die Chance, das verlorene Privatleben durch Machtgewinn oder Konsum zu kompensieren. Der Student Daniel, knabenhaft gespielt von Andreas Gripp, fällt ein wenig gegen die beiden anderen Hauptrollen ab.