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TITEL-Interview mit Regisseur Daniel Stamm

27.09.2010

"Wir hatten einen Exorzisten am Set!"

Seine Fake-Dokumentary The Last Exorcism wurde in den USA zu einem absoluten Überraschungserfolg. Zum Kinostart seines packenden Horrorthrillers am kommenden Donnerstag sprach LIDA BACH mit Stamm über filmische und reale Exorzisten.

 

War der Film von Anfang an als Fake-Dokumentary geplant?

 

Die Leute, die das ursprünglich machen sollten, sind sehr bekannte Fake-Dokumenatry-Filmer. Sie haben mich angerufen und gesagt: kannst du ´nen Horrorfilm machen? Ich hatte keine Ahnung, aber in Hollywood gelernt, dass du immer, wenn jemand fragt, ob du was kannst, „Ja!“ schreien musst. Und das hab ich darauf hin gemacht.

 

Wie kommt ein Hamburger nach Hollywood?

 

Ich habe in Ludwigsburg studiert, vier Jahre Drehbuch, war zu feige zum Schreiben und habe gedacht: Dann studierst du noch Regie. Dafür bin ich ans American Film Institue gegangen. Scorsese hat da gelehrt, einige meiner Filmemacher-Helden. Die große Falle, in die viele Filmschüler reintapsen, ist, sie warten, dass ihnen irgendjemand Millionen gibt. Wir haben einfach eine Videokamera genommen. Dann war der erste Film A necessary Death entstanden. Dann hab´ ich mir gedacht, wenn ich schon ´nen Film mache, kann ich auch nach Hollywood, hatte allerdings nie vor, da stecken zu bleiben.

 

Klingt alles sehr einfach.  

 

Ich weiß nicht, ob es das tatsächlich war, aber im Rückblick fühlt sich das schon so an.

 

Ist der Anfang trotzdem schwierig?

 

Wir hatten mit Hollywood eigentlich gar nichts zu tun, haben drei Jahre lang an diesem Film gearbeitet, total abgekapselt. Was unglaublich gut war, weil wir nie Kompromisse machen mussten. Der Trick in Hollywood ist, dass man irgendwas produzieren muss, was andere Leute wollen. Das war dann glücklicherweise so.

 

Haben Sie damals beim ersten Film gemerkt, dass nach zwanzig Takes die Darsteller authentischer sind?

 

Auch, wenn ich Leute nicht auf´s Klo gehen lasse. Dann wird ein gewisser Druck aufgebaut, der sich im Gesicht zeigt, aber natürlich auf der Leinwand nicht aussieht, als ob die gerade mal müssen. Die Schauspieler haben eine Idee, wie sie die Szene spielen wollen. Man spürt die Intention, was man gerade in diesem Format nicht will. Ich hätte mir fast ein T-Shirt gedruckt mit der Aufschrift: keine Schauspielerei erlaubt. Nach dem zwanzigsten Take setzt die Verzweiflung ein. Das ist genau der Punkt, an den man die Schauspieler kriegen muss. Dann hört der Kopf auf, mitzuspielen und sie sind sehr emotional, roh. Dann entstehen die tollen Momente.

 

Es gibt die Zwischentitel, ansonsten wirkt der Film wie ein Tape.

 

Wir wollten nie so tun, als wenn es ein echter Dokumentarfilm ist. Das hat Blair Witch damals super gemacht, aber das war ein Gimmick. Bei den Fake-Documentaries sind die beiden ungeschicktesten Momente die Frage: Warum drehen die Leute noch? Warum steht da jemand mit der Kamera, wenn die Katastrophe los geht? Das andere ist: Wer hat das am Ende gefunden und das zusammengeschnitten.

 

Wie ist es, plötzlich berühmt zu sein?

 

Total surreal. Ich habe ein Billboard angesehen mit meinem Namen – für eine halbe Minute. Dann dachte ich: wie selbstverliebt bin ich denn? Dann fuhr ein Bus vorbei mit einem Last Exorcism-Poster an einer Bushaltestelle mit einem Last Exorcism-Poster. Man kann in L. A. Nirgendwo hingehen, ohne auf ein Last Exorcism-Poster zu stoßen. Mein letzter Film hat 2.000 Dollar gekostet und niemand hat ihn je gesehen.

 

Reagiert das amerikanische Publikum anders als das europäische?

 

Es war toll, zu sehen, wie die Engländer auf das Ende reagieren. Die Amerikaner finden es entweder toll oder sie finden es furchtbar. Ich kriege Droh-E-Mails, die sagen, ich soll Kopf über vom Empire-State-Building springen. Die sind richtig böse, das man sie mit dem Fragezeichen dort lässt, während die Engländer unheimlich fasziniert waren von dem Fragezeichen.

 

Welche Rolle spielte Eli Roth?

 

Das Projekt gäbe es nicht ohne Eli. Es war ganz schwierig Finanzierung zu finden, bis Eli sagte: Da tue ich meinen Namen drauf. Dann war er unheimlich involviert in die Vorproduktion und das Schreiben. Während des Drehs war er gar nicht am Set, was auch gut war, weil ich versucht habe, eine sehr intime Atmosphäre zu schaffen.

 

The Last Exorcism zeigt kaum physischen Horror.

 

Wir wollten einen Film machen, der psychologisch introvertiert ist. Es gab ein Szene, wo Nell ein Pferd tötet. Die haben wir rausgeschnitten. Mir war es wichtig, dass die kleinen Momente einen Schockeffekt haben.

 

War bezüglich des religiösen Fanatismus als ansteckendes Massenphänomen Arthur Millers The Crucible eine Inspiration?

 

Das wichtige war, nicht religiösen Fanatismus einfach zu verurteilen. Wir wollten Fanatismus und Religion aufeinander losschicken und die beiden Seiten so fair und intelligent wie möglich zeigen.

 

Haben Sie viel Recherche betrieben?

 

Wir hatten einen Exorzisten am Set. Ich dachte, das wäre eine tolle Idee diesen Exorzisten zu haben, weil der das alles so unaufregend fand. Der steht morgens auf, kämpft mit dem Teufel bis abends, kommt dann nach Hause, isst Abendbrot mit seiner Frau und geht dann ins Bett. Das hat unseren Hauptdarsteller in die Lage versetzt, die Figur so zu spielen. Wir er predigt am Anfang zu seinen Jüngern ... Das war alles unter der Mentorschaft dieses Exorzisten.


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