Nicht so naiv
„Der Deutschen größter Dramatiker“, wie ihn die Klassenlehrerin nannte, ist im Kino unglücklicher Held seines persönlichen Dramas. Dreist und darum toll. „Das hat keinen Lehrwert!“, hätte sie gesagt und die Vorführung abgebrochen, wie sie es bei Natural Born Killers und Amadeus tat.
Regisseur Stölzl sieht das anders. Sein Johann Wolfgang teilt mit Mozart mehr als nur den Vornamen. Er singt dessen „Bonna Nox“ und besonders inbrünstig „Scheiß ins Bett, dass es kracht“. So frivol-fantastisch wie Milos Formans Amadeus ist sein Goethe! aber nicht annähernd. Dafür versöhnt seine schamlose Verankerung im gehobenen Unterhaltungskino Goethe-Traumatisierte. Den Mythos vom altehrwürdigen Genius unterwandert der Film, ohne dabei die Brillanz des Dichters zu schmälern. Sein Johann Wolfgang findet einen „Faust“-Dialog bei einem Freund, der einem schönen Fräulein, das keines ist, sein Geleit antragen will, und klaut „Ich bin mir Hölle selbst genug“ von einer Schmierentheaterbühne.
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“
(Johann Wolfgang von Goethe)
Die „Lotte-Popotte“, wie Charlotte im Film von ihrer Schwester gerufen wird, kriegt er nicht. Dafür etwas Besseres: die Dichterlaufbahn, die er sich ersehnt hat, und - lebenslangen Ruhm. Nicht zu vergessen die Einkünfte. Denn als Dichter und Denker sind die Filmprotagonisten nicht so naiv, zu glauben, dass die Entscheidung zwischen Geld oder Liebe zu Gunsten letzter ausfallen sollte.
„Ist das alles die Wahrheit?“, fragt ein Verleger, dem Lotte den Werther vorlegt. „Es ist mehr als die Wahrheit. Es ist Dichtung“, antwortet Lotte.
