Leeren
Aber nicht nur die Kamera, auch der Ton holt uns die eigentlichen Geschichten, die Dialoge, ganz dicht heran. Die Worte klingen ganz nah, auch wenn ihre Erzeuger bildlich entfernt bleiben. Es ist, als würde einem die Fähigkeit geschenkt, die man sich so oft wünscht, wenn in einem das Interesse an Fremden geweckt wurde, man ihnen mit den Augen und den Ohren aber nicht folgen kann, oder sich das Objekt der Begierde in der Menge verliert. In ORLY ist es ein junger Deutscher, der durch einen kurzen Blick an einer faszinierenden Fremden hängen bleibt, kurz mit den Augen und noch eine Weile länger mit seinen Gedanken. Wie die Schärfenebene des Bildes suggeriert, vergisst er alles andere im Raum, fokussiert sich nur auf diese eine Frau. Sogar die Freundin, mit der er gerade reist, wird zeitweilig vergessen. Sicherlich kann man den Dialogen eine gewisse Gewolltheit unterstellen, aber seien wir doch in dieser Zeit der Schnelligkeit dankbar für Worte, über die sich jemand etwas länger Gedanken gemacht hat.
Neben dem Wort ist für Angela Schanelec der Raum besonders wichtig. Das Verhalten der Menschen hängt mit dem sie umgebenden Raum zusammen, und ein Raum verändert sich, wenn Menschen ihn betreten und beleben. ORLY beginnt mit einer menschlichen Leere und endet mit einer räumlichen. Dazwischen ist ein feiner Film, der keine großen Aktionen braucht. Ein Film der keine Superhelden zeigt, sondern dem Zuschauer Superkräfte verleiht.

