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Freitag, 25. Mai 2012 | 04:26

Aktuell von der russischen Filmwoche in Berlin - How I ended this summer

28.11.2010

Angst ist kälter als der Tod

Kein Schiff wird kommen. - Drei Monate arbeitet der junge Student Pavel auf der arktischen Insel Chukotka. Einzig sein älterer Kollege Sergei haust mit ihm in der maroden Wetterstation. Niemals vergessen, das Gewehr nachzuladen, warnt Sergei. Nicht nur in der Natur verbergen sich Gefahren. Noch trügerischer als die Friedfertigkeit der arktischen Landschaft ist der Seelenfrieden des alten Kollegen. Eine grausige Funkmitteilung steigert Sergeis Zorn. In der Einöde gibt es nur einen, gegen den er ihn richten kann. Und Pavel weiß, kein Schiff wird kommen ... Von LIDA BACH

 

Chukotka ist ein Ort kalter Angst. Nicht die Temperatur, sondern die Furcht scheint den Atem in der Luft gefrieren zu lassen. In der Luft liegt auch die radioaktive Strahlung veralteter Gerätschaften, wie der Schatten Tschernobyls auf dem kollektiven Unterbewusstsein Osteuropas. „Shadow of Chernobyl“ lautete der Untertitel des von Pavel gespielten Ego-Shooters „S.T.A.L.K.E.R.“. Verstrahlt ist auch die verbotene Zone in Andrej Tarkowskis gleichnamigem Film. Eine solche Zone ist die Arktis, in der die Bedrohung unsichtbar und zugleich allgegenwärtig ist. Das Bedrohliche ist die Natur selbst, die hier übermächtig ist gegen den Menschen. Vor der gewaltigen Landschaft schrumpft das Individuum zum winzigen Licht. Machtlos gegen die Dunkelheit um ihn wie die Signalleuchte, die auf dem Stationsdach blinkt, gegen die arktische Nacht. Machtlos gegen die Gespenster aus seiner eigenen Erinnerung, wie die Raumfahrer in „Solaris“.

 

An „Solaris“ erinnere ihn Chukotka, sagte Alexei Popogrebski auf der Pressekonferenz während der Berlinale. Dort lief „Wie ich den Sommer beendete“ unter dem Originaltitel „Krak el prowjol etim letom“ im Wettbewerb. Ein Außenseiterfilm, den die Kritik zwiespältig aufnahm, obwohl sie seine szenische Qualitäten anerkannte. Zu lange fühlte der zurückhaltende Thriller sich an nach zu vielen überlangen Filmen. Zu kalt bei viel zu kaltem Festival-Wetter. Zu zehrend, nachdem die eigene Festivalenergie fast aufgezehrt war. Nicht viele werden das zweistündige Werk ein weiteres mal ansehen – und ein Film, der nicht wert ist, zweimal angesehen zu werden, ist überhaupt nicht wert, gesehen zu werden. Doch „How I ended this summer“ gewinnt mit jedem Sehen. Dies ist die Essenz der an die Werke Tarkowskis erinnernden Stimmung.

 

In der Arktis hört dich niemand schreien

Die atmosphärische Dichte steigert Popogrebski ins Erdrückende. „Das Mysterium des Ortes ist Teil der Faszination“, erklärte der Regisseur auf der Berlinale. Eine tödliche Faszination für das Expeditionsteam des Polarforschers Nikolai Pinegin, dessen fast hundertjährige Aufzeichnungen Popogrebskis dritten Kinofilm inspirierten. Mehr und mehr subtile Assoziationen und versteckte Anspielungen ergeben sich und verflechten sich zu einem Netz, welches unweigerlich gefangen nimmt.

 

Die Symbole vollends zu entschlüsseln ist unmöglich, so vielfältig sind ihre Deutungsmöglichkeiten. Das Raubtier verkörpert die Wildnis, die Pavel zu spät als solche begreift. Der Bär ist auch das Seelentier der Männer. Seine symbolische Besetzung in der osteuropäische Kultur ist zwiespältig. Jeder der Charaktere stellt eine Facette dar. Der Bär steht für Sergeis animalischen Tötungs- und Jagddrang. Pavel verkörpert die spielerischen Eigenschaften, turnt an Geräten herum und nascht das Kinderkonfekt „Mischka“.

 

Dies sei kein Spielplatz, sagt Sergei und erfüllt seine Warnung mit einer unerbittlichen Hatz. Das im Filmtitel beschworenen Sommerende enthüllt sich als Allegorie. Das Dunkel verschlingt das Licht des kältesten aller Sommer, das Licht in Pavels Herzen und in Sergeis Leben. Auch Lebenslicht wird ihm weichen müssen. Denn die Winter sind lang in Chukotka.


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