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Freitag, 25. Mai 2012 | 04:29

Der Freischütz - ab 23. Dezember im Kino!

23.12.2010

»Bange Ahnung fühlt die Brust.«

Opern- und Theaterregisseur Jens Neubert hat Carl Maria von Webers Der Freischütz als über zweistündige Filmarie adaptiert. Von seinem gewohnten Medium lösen kann sich der versierte Bühnenregisseur nicht. Mit Pathos und Partituren legt Der Freischütz auf eisern werkgetreuen Naturalismus an. Bei der Inszenierung hat anscheinend der Böse Feind eine ruhige Kugel geschoben. Nach einer papierdünnen Puccini-Verfilmung La Bohème schießt Neuberts Freischütz mit bombastischem Bauernstadl den Vogel ab. Von LIDA BACH

 

Als befürchte der Regisseur und Drehbuchautor, der Zuschauer könne schon nach dem Vorspann einnicken, wird er mit Kanonendonner geweckt. Nicht minder vollbrüstig lamentiert der zukünftige Freischütz Max (Michael König) über sein Missgeschick beim Wettschießen. Damit keine Note dem Ohr entgeht, läuft die Pressevorführung in oberster Lautstärke. Ein Freund der leisen Töne ist auch Neubert nicht. Der Jägersbursch´ Max wird zum Feldjäger im napoleonischen Krieg. Die einen schießen zum Vergnügen, die anderen schießen sich tot. Doch die Zielunsicherheit der Hauptfigur auf ein Fronttrauma zurückzuführen ist der Verfilmung zu viel Psychologisieren.

 

Träume sind hier nicht Produkt des Unterbewusstseins, sondern handfeste Vorzeichen. Ein solches streckt Max´ Verlobte Agathe (Juliane Banse) nieder, als ein Ahnenbild von der Wand fällt. Agathes an ein Einschussloch erinnernde Wunde mahnt überdeutlich an ihr drohendes Schicksal. Um die Tochter des Erbförsters Kuno (Benno Schollum) zu heiraten, muss Max nach altem Brauch den wohlhabenden Kilian (Olaf Bär) beim Zielschießen besiegen. Überredet von seinem Gefährten Kaspar (Michael Volle) gießt Max magische Freikugeln: »Sechse treffen, sieben äffen.«

 

Die Siebente führt der höllische Samiel wohin er will. Die im Libretto beschriebene »romantisch schöne Gegend« steigert die geschraubte Inszenierung zu verbrämter Theatralik. Dazwischen dröhnt Melodramatik. Hier wird nicht geschlafen, scheint Neubert zu rufen. Es wird darnieder gelegen und geruht. Agathe rastet, malerisch drapiert wie das Rosengesteck auf ihrem Nachttisch. Weh, wird die zarte Knospe vor dem Erblühen in der Ehe gebrochen? Einen Rosenanhänger trägt Agathe auch um den Hals. Die blauen Blumen neben ihrer blau gekleideten Kameradin Ännchen (Regula Mühlemann), ein Rosenanhänger um Agathes Hals - dies sind hübsche, nur in der Verfilmung mögliche Details, doch zu naiv, um cineastisch zu überzeugen.

 

»Triumph! Die Rache gelingt«

Das Kunststück, eine Oper als mitreißendes Kinodrama umzusetzen, gelingt dagegen nicht. Elf Jahre komponierte Carl Maria von Weber an seinem erfolgreichsten Werk. Das zynische Potential der als bitter ironische Parabel angelegten literarischen Vorlage schöpft von Webers Oper nicht aus. Die schwarz-romantischen Motive des Schauermärchens aus dem Gespensterbuch August Apels trugen indes besonders zur Entstehungszeit der Oper zu deren Popularität bei. Die Wolfsschlucht ist im Libretto buchstäbliche »das Furchtbare«. Hier windet sich Natterngezücht aus totem Mund. Oh Graus, wenn dies keine Metapher für das trügerische Wort Samiels ist! Der ersteht als unfreiwillig lächerlicher Riesentotenschädel als Heavy-Metal-Videoclip, als hätte es im Kino nie einen Robert De Niro, Al Pacino und drei Dutzend Hellzapoppin-Statisten als Teufel gegeben.

                                                        

Die Brautkrone wird mit einer Totenkrone vertauscht. »Weiße Rosen vor dem Traualtar und im Grabe«, trällert das unbedarfte Ännchen und krönt Agathe mit den Blüten. Alpträume plagen, ein alter Eremit warnt und Max soll auf eine weiße Taube anlegen. Der Freischütz hat mehr böse Omen als der gleichnamige Horrorfilm. Unheimlich ist er vor allem, weil Neuberts schon vor Filmstart verstaubte Kinofassung Modernität oder Innovation verweigert. Nicht einmal der als deus ex machina aus dem Walde tretende Eremit darf das versöhnende Schlusswort ironisch abschwächen.

 

Dafür bringt er auch dem Kinopublikum eine frohe Botschaft mit: »Drum finde nie ein Probeschuss mehr statt!« Stattdessen solle ein Probejahr absolviert werden. Dem Gefühl nach hat man das gerade vor der Leinwand abgesessen.

 

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