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Freitag, 25. Mai 2012 | 04:30

Time-Out Movie Guide 2011

06.01.2011

Cinemania

Zweiundvierzig. Eintausenddreihundertsechsunddreißig. Neunzehntausend. Das sind die Eckdaten des Time-Out Movie Guides 2011. Man muss sie schon ausschreiben, um eine Ahnung vom Umfang des Kompendiums zu wecken. Der englische Filmführer ist eine Schatzkammer, die von Leinwandjuwelen bis Trash-Perlen für jeden Geschmack etwas bereit hält. LIDA BACH hat die jüngste Ausgabe des Standardwerks unter die Lupe genommen.

 

42 Jahre. 1336 Seiten. 19.000 Kritiken. Die letzte Zahl ist unbestätigt. Es könnten mehr sein. Nachzuzählen wäre eine Sisyphusarbeit. Ist die Aufgabe einmal bewältigt, wäre vermutlich bereits der Folgeband in Druck. Die Autoren des seit 1968 erscheinenden Time-Out–Magazines vollbrachten größeres als bloßes Aufzählen. Jeden einzelnen der 19.000 Filme haben sie gesehen und rezensiert. Um mehr als 350 Neukritiken wurde die letzte Ausgabe erweitert. Alljährlich bringt John Pym, der Tom Milner 1994 als Verleger ablöste, eine aktualisierte Neuausgabe von Time-Out heraus.

 

Nach Pyms Vorwort und die ellenlange Liste von Autoren erinnert Trevor Johnston in einem Essay daran, dass Filmlexika auch in der digitalen Ära nicht überflüssig sind. Vermeintlich unbedeutende Werke fallen in erweiterten Neuausgaben oft weg. Umso älter ein Kompendium, umso größer die Wahrscheinlichkeit, einen obskuren Titel aufzustöbern. 19 Auflagen erlebte der immer wuchtiger werdende Band. Ein Ende ist nicht abzusehen. Zum Glück nicht. Der Time-Out Movie Guide ist Kult und Klassiker in einem.

 

Fetisch für Filmfans

Auf dem deutschen Buchmarkt schließt der Time-Out Movie Guide eine Lücke. Warum der Band weder übersetzt wird noch die englischsprachige Ausgabe bisher einen hiesigen Verlag gefunden hat, ist ein Rätsel. Eine vergleichbare Publikationen existiert nicht. Zwar gibt es diverse Filmlexika, doch sind sie hauptsächlich Auflistungen wichtiger deutschsprachiger Produktionen, ergänzt durch ein paar internationale Klassiker. Keines verfügt über das inhaltliche Spektrum von Time-Out. Dies gilt auch für den amerikanischen Markt, der mit den ebenfalls jährlich erscheinenden Filmführern Video Hound, Halliwell´s Film Guide und Leonard Maltin´s Film Guide immerhin respektable Konkurrenten zu bieten hat.

 

Einen gesuchten Film in dem Kompendium zu finden ist mitunter schwierig. Unzählige oft und nie gehörten Titel flackert wie Irrlichter vor den Auge. Vom geraden Weg zu der gewünschten Information locken sie auf die Fährten anderer Kinoschätze. Bis man sich verlaufen hat, vergisst, welchen Titel man ursprünglich nachschlagen wollte (selbst erlebt!) oder der Buchtitel sich ironisch erfüllt: time out, keine Zeit mehr. Im Anhang liefert ein Register von Regisseuren und Alternativtiteln, die eine gezielte Suche nach den Werken bestimmter Künstler oder fremdsprachiger Titel ermöglichen. Allein der flüchtige Blick in diese Register kann fatal sein. Wer glaubt alle Filme Hitchcocks zu kennen, hat vermutlich nie die romantischen Melodramen Champagne (1927) und Downhill (1928) gesehen.

 

Grenzen ausgelotet

Es gibt mehr Devils als Angels, mehr Cinderellas als Alice in Wonderlands - jedoch nicht die erste erhaltene Verfilmung von Alice in Wonderland. Ein so zügelloses Werk reizt unwillkürlich dazu, seine Grenzen auszuloten. Weder der russische Horrorstummfilm Pikovaja Dama nach Puschkins Novelle findet sich, noch der Tod Brownings früher Circus-Film The Show. Dafür wird der rare jiddischsprachige Dybbuk besprochen, ebenso wie Georges Franjus schwer zugängliches Kriminaldrama Judex.

 

Als Hommage an ein Buch, das sich in solcher Reichhaltigkeit der der cineastischen Kunst und ihrer Rezension verschrieben hat, muss eine Kurzkritik stehen: Allen Filminteressierten ist der Time Out Movie Guide 2011 (und natürlich die älteren Ausgaben) zu empfehlen. Es sei denn er ist gleichzeitig Filmkritiker. Der teuflische Unterhaltungswert verhindert jede Arbeit: Ausgenommen höchstens Filmkritiker, die Filme hassen. Aber ich weigere mich, an die Existenz solcher zu glauben. Ich träume von einer Welt, in der Kritiker lieben, was sie kritisieren und nur böse schreiben aus lauter Filmvernarrtheit. Der Time-out Movie Guide 2011 beflügelt solche Träume.


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