Kindheit in der Steinwüste
In die erstickende Enge bringen nur verwackelte Handkameraaufnahmen Farbe. Fröhlich geht es bei den Familienszenen nicht zu. Ob er schon eine kleine Freundin habe, möchte die Großmutter vom beschämten Enkel wissen. Wenn die Erwachsenen sich amüsieren, haben die Kinder nichts zu lachen. Die Videobilder zeigen den Gipfel aller kindlichen Horrorerlebnisse: auf der Blockflöte vorspielen, nachdem die Mutter vor den geladenen Gästen verkündet hat, wie wundervoll der Sohn musiziert. Vermutlich wurde die Blockflöte nur erfunden, um Kinder mit unmöglichen Fingerübungen auf einem Instrument zu quälen, das niemand so richtig ernst nimmt.
Tragisch-komisch sind solche Szenen. Hammel versteht es, hinter den unscheinbaren Alltagsmomenten eine skurrile Komik aufblitzen zu lassen. Die letzten Lametta-Reste zittern verzweifelt, als der Vater den ausgedienten Weihnachtsbaum mit meterweise Klebeband zum tragbaren Paket verschnürt. Die Mülltonnen vor dem Haus erinnern an einen Nadelbaum-Friedhof. Zum Abschied erhält die Weihnachtsruine einen Tritt. Und den Menschen ein Wohlgefallen.
Doch die Schatten, welche die düsteren Momente auf die versteckte Komik werfen, verdunkeln die traurig-wahre Kindheitsgeschichte. Die Mutter der beiden Jungen verirrt sich immer mehr in ihrer psychischen Erkrankung. Bizarre Gestalten begegnen ihr auf der Straße: vielleicht Abbilder realen Elends, vielleicht Wahngespenster, die sie weiter in die Welt des Irrsinns führen. Ob die farbigen Videoaufnahmen authentisch oder gestellt sind, verrät Hammel nicht. Die Einbildung lässt die Realität bröckeln. Leid tut es einem um diese Realität nicht.
Folge mir sei kein pessimistischer Film, erklärt Johannes Hammel, der selbst im Basel der Siebziger Jahre aufwuchs. Stets sei eine Hoffnung spürbar. Doch selbst die erscheint in dem bedrückenden Grau.
