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Freitag, 25. Mai 2012 | 04:34

BERLINALE Generation - Jess + Moss

07.02.2011

In der Hitze des Südens

Jess + Moss würde nicht so verstören, liefe er im Berlinale Panorama. Doch weder dort noch im Forum läuft Clay Jeters Drama, und in den Wettbewerb schaffen es solche Filme nie. Jess + Moss läuft bei Generations. Gerade dies zeichnet für LIDA BACH den Kinderfilm aus.

 

»Ich kenne den Unterschied zwischen richtig und falsch«, sagt Jess. Richtig ist, dass sie von hier abhauen wird. Raus aus den Tabakfeldern von Kentucky. Den Koffer hat sie gepackt. Wie lange eigentlich schon, fragt Moss. Aber sie wird von hier abhauen, zur Hölle! … aus dieser Hölle. Eines Tages.

 

Richtig ist, dass die Eltern von Jess + Moss schon immer Freunde waren. Wie Jess + Moss in Clay Jeters unter die Haut gehendem Kinodebüt. Jeden Tag haben sie dasselbe Spiel gespielt, so wie Jess + Moss jeden Tag die gleichen Spiele spielen: dem alten Kassettenrekorder zuhören; in der baufälligen Kirche herum klettern, bis zum Kreuzfenster, an dem Jess Christus nachahmt. Richtig ist, dass Moss´ Eltern das nicht wissen dürfen. Gott sieht alles, auch was Moss heimlich im Badezimmer macht. Aber außerhalb von Moss´ Haus ist Gott blind. Draußen hängen nämlich keine Bilder von ihm. Richtig ist, dass Jess´ Mutter aus dem Kassettenrekorder spricht. Du bist nicht schuld, sagt ihre Mutter aus dem Rekorder. Es war nicht deine Schuld. Vielleicht lebt sie in den zerkratzten Kassetten. Verlockend, wie man etwas Lebendiges in einer Tonaufnahme einfangen kann. Zwei kleine Kinder hat Jess mit dem Rekorder gefangen, sie zuerst in der Scheune eingesperrt und dann die Aufnahmetaste gedrückt. 7 Minutes in Heaven heißt das Band.

 

Schreie und Flüstern

Falsch ist, dass man je etwas vergessen kann. Was nicht noch einmal weh tun soll, unterdrückt das Gedächtnis, aber es ist immer noch da. Falsch ist die Geschichte von ihren Eltern, die Moss von Jess so gerne hört. Falsch ist, dass Moss noch wie ein Kind herumläuft. »Du bist alt genug, um dir einen Job zu suchen«, sagt ihr Vater. Jess war schon immer für alles alt genug. Jetzt wird sie nicht mehr älter. Die Zeit steht einfach still. In Kentucky, in den beiden heruntergekommenen Häusern in den Tabakfeldern, deren Tabak Jess raucht. Der Kreis schließt sich. Die von unterschwelliger Aggression und pathologischer Sexualität aufgeheizte Atmosphäre durchdringt die Landschaft. Die seelische Isolation wird zum Nährboden der traumatischen Vergangenheit. Jess + Moss atmen diese Atmosphäre ein und sind gleichzeitig ihr Produkt.

 

Das Kameraauge heftet sich an sie. Unscharfe Details wachsen zu der monströsen Bedeutung, die Jess + Moss ihnen verleihen. Die grobkörnigen, verwackelten Szenen fließen ineinander. Die Grenzen zischen Erinnerungsfetzen und Realität, Phantasie und Alptraum lösen sich in der halluzinatorischen Filmwelt auf. Der beklemmende Kinderfilm gleicht einer Mischung aus einem surrealen Theaterstück von Tennessee Williams und dem psychologischen Horror Shirley Jacksons.

 

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