Frankie Chavez: Family Tree Andrea Maria Schenkel: Finsterau "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Eli Pariser: Filter Bubble Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 04:37

BERLINALE Wettbewerb - Almanya

15.02.2011

Türkisch für Anfänger

Zu Hause ist es am schönsten. Woanders sprechen sie komisch, essen merkwürdige Sachen und haben seltsame Angewohnheiten. Wenn man die Toilette nicht vorsorglich putzt, wird man womöglich krank, und ob die Einheimischen einen dort überhaupt akzeptieren, weiß man nie ... Von LIDA BACH

 

Von den Reiseplänen des Großvaters Hüseyin (Vedat Erincin) hält Familie Yilmaz folglich wenig. Enkeltochter Canan (Aylin Tezel) erwartet von ihrem englischen Freund David (Trystan Pütter) ein Kind. Ihr Cousin Cenk (Rafael Koussouris) hat gerade erst mit der Schule begonnen. Ihre Heimat will Familie Yilmaz nicht aufgeben für das kleine Haus im Ausland, dass Hüysein gekauft hat. Dennoch brechen sie auf ins Unbekannte: ein rätselhaftes Land mit Namen – Türkei.

 

Heimisch sind Cenk, Canan, ihre Großmutter Fatma (Lilay Huser) und deren erwachsene Kinder Veli (Aykut Kayacik) und Muhamed (Ercan Karacayli) in Deutschland. Dabei war für Hüysein, dessen Familiengeschichte Yasemin Samderelis Culture-Clash-Komödie erzählt, dieses Almanya einst so fremd wie sein türkisches Geburtsland nun den Folgegenerationen im Hause Yilmaz ist. Von Canans Schwangerschaft haben ihre Verwandten so wenig Ahnung wie der kleine Cenk von der Familiengeschichte. Aufgrund seines deutsch-türkischen kulturellen Erbes fühlt er sich in seiner Identität zerrissen, nachdem weder die deutschen noch die türkischen Kinder ihn beim Schulsport ins Team wählen wollen. So oberflächlich wie die filmische Metapher für Cenks Selbstfindungsschwierigkeiten inszeniert Almanya den Integrationsprozess der Gastarbeiter, für die es in der Nachkriegszeit »Willkommen in Deutschland« hieß.

 

There´s no place like home

Mit einer Reise beginnt die Handlung, eine frühere Reise eröffnet die Binnenerzählung und eine historische Reise steht in ihrem Zentrum. Dramaturgisch jedoch tritt Almanya auf der Stelle. Die Einwanderer haben das Gastland verändert, das Gastland die Einwanderer und die Zeit alle beide. Tiefgründiger wird es in der unbedarften Familienunterhaltung nicht. In fröhlich bunten Szenen malt sich das Spielfilmdebüt der Regisseurin und Drehbuchautorin die Umsiedlung der türkischen Gastarbeiter Anfang der Sechziger nach Almanya aus. Schönfärberei praktiziert das auf Plattitüden und Klamauk setzende Werk nicht nur bei der Darstellung der Ost-West-Beziehung zwischen Türkei und BRD. Der Kalte Krieg ist lediglich eine Randnotiz des Plots.

 

Dass Regierungen unrecht handeln – nicht zuletzt an den oft benachteiligten, ausgebeuteten und mangelhaft geförderten Einwanderern – wird wie die Integrations- und Identitätskämpfe jüngerer Generationen ausgeblendet. Einen ausgewogenen Kommentar zur Integrationsdebatte zu liefern, hat Almanya grundsätzlich nicht im Sinn. Wie innerhalb der Handlung der 10000001 Zuwanderer gefeiert wird, scheint Almanya sich selbst als Gastland feiern zu wollen. Ironiefrei wie der Untertitel Willkommen in Deutschland sind auch die unangenehm stereotypen Protagonisten angelegt. Statt Klischees auszuhebeln, dienen die Charaktere dazu, sie zu zementieren – und zwar auf allen Seiten. Als Karikatur der türkischen Einwandererfamilie kommen die Yildimz in ein Sechziger-Jahre-Deutschland, dass es bestenfalls auf Retro-Postkarten gab. Der surreale Gastarbeiterhimmel ist das selbstverliebte Ideal eines Einwanderungslandes, in dem Diskriminierung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit als einzige Fremdwörter nicht willkommen sind.

 

Der Gipfel der Integration ist demnach eine veränderte Gewichtung der eigenen Klischees. Hätte die Enkelin nicht wenigstens einen Deutschen als Zukünftigen wählen können, fragt Fatma. So einfach ist das mit der Integration. Zu Hause ist, wo die Vorurteile sind.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:
I would say... That's a very great movie. I had seen it in my school and i can now say : "I love it!" Yes, it is very funny. The gradnpa,who wouldn't go to Germany, die at the middle... ^^
| von Likeee, 27.03.2012

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Mathias Tretter möchte nicht dein Freund sein - Tourplan 2012

»Kabarettisten sind von der schnellen Truppe, zumal solche wie Tretter, die nicht dem allfälligen Comedy-Genre anhängen, sondern richtiges, politisches Kabarett machen ...« ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...