Lautloser Tod
Aber Valery, seine alten Freunde und Vera fliehen nicht. Niemand kann auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Hier spielt die Musik. Vor der Stadt, wo Valery herkommt, herrscht Stille. Vor der Stille ist er geflohen. Die Geräuschlosigkeit der Gefahr, die Unmöglichkeit, das Grauen wahrzunehmen, macht ihn schier wahnsinnig. Der Parteisekretär wollte ihn davon abhalten, die Katastrophe zu verkünden, doch auf der Landstraße ist er zurückgeblieben. Er musste zu sehr husten, weil er noch näher dran war. Trotzdem flieht niemand. Niemand begreift, auch Valery nicht. Dem Leben kann er sich nicht entreißen, nun, da sein Tod bereits besiegelt ist. Das Grauen kommt lautlos an jenem Innocent Saturday, den Alexander Mindadze in strahlendem Sonnenschein, Fröhlichkeit und einer Angst, die alles Begreifliche überschreitet, heraufbeschwört. Sein Drama gleicht einem stillen Horrorfilm, dessen Grauen die psychologische Unmöglichkeit ist, das Grauen zu verarbeiten.
Der Samstag ist der 26. April 1986 in der ukrainischen Sowjetrepublik. Draußen vor Prypiat ist nichts mehr außer einer glühenden Ruine. Der Reaktor ist in der Nacht geschmolzen. Die radioaktive Strahlung hat den Namen des Kraftwerks für immer in die Geschichte eingebrannt: Tschernobyl. »Ein Monstrum« nennt ein Bandkollege Valerys den Reaktor. Sein Atem ist der radioaktive Gifthauch des Kraftwerks. Das Monstrum wird sie alle verschlingen. An einem Tag wie jedem anderen, dem Innocent Saturday.
