Lipstick Jungle
Auch Lara trägt ihn, und umso intensiver seine Farbe ist, umso schlimmer wird sie. Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. Auch problemlos von Ramallah nach London in ein luxuriöses Eigenheim. Dort hat Lara sich Jahre später in einer Zweckehe arrangiert, die ein Vorzeigesohn krönt. »This is my life. I might as well live it.« Würde nicht eines Tage Inam in Laras Wohnzimmer stehen. Dass zwischen den einstigen Jugendfreundinnen ein düsteres Geheimnis lauert, gebietet die Filmkonvention. Interesse für das Verborgene kann Sagall nicht wecken, vielleicht, weil es ihm selbst gleichgültig ist.
»No questions asked.« Der Dialogsatz klammert Lipstikka gleich einem Motto ein. Es sind die letzten Worte Laras vor dem erlösenden Abspann. Ihr frustrierendes Fazit des reißerischen Dramas äußert sie bereits in der Anfangsszene gleich einer Vorankündigung. Die neidische Alkoholikerin Lara charakterisiert Lipstikka als Zerrbild der fettleibigen Lesbe, die sich an ihrem heterosexuellen Liebesobjekt mit einer Intrige rächt, die selbst Joan Crawford in What ever happened to Baby Jane? als fürsorgliche ältere Schwester erscheinen lässt.
Die brave Schülerkleidung tragen Lara und Inam in den Farben Palästinas. Wer sagt, der Schulmädchenreport dürfe nicht in Ramallah spielen? Eine Prise politische Brisanz und von den süßen Sünden verruchter Schulmädchen dürfen nur Erwachsene kosten. Noch etwas krude Amateurpsychologie und eine überlange Altherrenphantasie lässt sich als kontroverses Drama ausgeben. »Leute tun alles mögliche«, sagt Lara einmal: »Manches ist freundlich und edel, anderes nicht. Ich bin nicht sicher, ob ich noch unterscheiden kann, was was ist.«
Ein Problem, das Jonathan Sagall augenscheinlich gut kennt. Statt intelligenter Kontroverse gelingen ihm lediglich banale Geschmacklosigkeiten, deren Provokation so aufgesetzt ist, dass sie in Albernheit verpufft. Ein Satz Inams zu Lara verweist verräterisch auf die profanen Intentionen des primitiven Melodrams: »Sex ist für mich das gleiche, was Alkohol für dich ist: ein armseliges Betäubungsmittel.«
