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Freitag, 25. Mai 2012 | 04:40

BERINALE Wettbewerb - Odem (Lipstikka)

20.02.2011

Wenn das die Mami wüsste ...

Rote Lippen soll man küssen. Bitterböses Rot trägt Inam (Nataly Attiya) auf ihren sündigen Lippen. Die braven Zöpfe und die Schuluniform trügen. Nach der letzten Stunde knöpft Inam die züchtig geschlossene Bluse auf und lässt Männerhände die schwellenden Brüste berühren ... Von LIDA BACH

 

Ihre übergewichtige Freundin Lara (Clara Khoury) schaut heimlich zu. Neid, Eifersucht und Gier funkeln in den Augen der kleinen Voyeurin. Die gleichen Emotionen verrät der Blick Jonathan Sagalls. Der israelische Schauspieler und Regisseur ist der zweite kleine Voyeur von Lipstikka. Sein Auge ergötzt sich an dem Szenario hinter der Kamera. Bekannt ist der Schauspieler und Drehbuchautor hauptsächlich durch seine Rolle in Eis am Stiel. An eine Hardcore-Version der mehrteiligen Sex-Klamotte erinnert sein kruder Wettbewerbsfilm auf der Berlinale.

 

Inam ist eine ganz Ungezogene. Sie flirtet gerne, lernt weniger gern und raucht. Dazu trägt sie zu viel Lippenstift. »Zu viel rot auf deinen Lippen …« Jeder weiß, wohin das führt. Den Titel gebenden Lipstikka klaut sie ihrer Mutter aus der Handtasche, zusammen mit einem Geldschein, um mit ihrer besten Freundin Lara ins Kino zu gehen. Aus Sagalls Perspektive stempeln solch belanglose Kinderstreiche Inam zur moralischen Sünderin. Das dramaturgische Urteil lautet lebenslänglich. Wie dies konkret aussieht, enthüllt Lipstikka erst am Ende seiner kruden Handlung. Auf dem Weg dorthin vergnügt sich Sagall, indem er die sadistischen Details von Inams Schicksalsstrafe inszeniert. Verdient hat Inam das alles selbst. Der symbolisch für selbstbestimmte weibliche Sexualität, Lust und Attraktivität stehende Lippenstift ist in Odem, so der deutsche Wettbewerbs-Titel, Zeichen des Bösen.

 

Lipstick Jungle

Auch Lara trägt ihn, und umso intensiver seine Farbe ist, umso schlimmer wird sie. Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. Auch problemlos von Ramallah nach London in ein luxuriöses Eigenheim. Dort hat Lara sich Jahre später in einer Zweckehe arrangiert, die ein Vorzeigesohn krönt. »This is my life. I might as well live it.« Würde nicht eines Tage Inam in Laras Wohnzimmer stehen. Dass zwischen den einstigen Jugendfreundinnen ein düsteres Geheimnis lauert, gebietet die Filmkonvention. Interesse für das Verborgene kann Sagall nicht wecken, vielleicht, weil es ihm selbst gleichgültig ist.

 

»No questions asked.« Der Dialogsatz klammert Lipstikka gleich einem Motto ein. Es sind die letzten Worte Laras vor dem erlösenden Abspann. Ihr frustrierendes Fazit des reißerischen Dramas äußert sie bereits in der Anfangsszene gleich einer Vorankündigung. Die neidische Alkoholikerin Lara charakterisiert Lipstikka als Zerrbild der fettleibigen Lesbe, die sich an ihrem heterosexuellen Liebesobjekt mit einer Intrige rächt, die selbst Joan Crawford in What ever happened to Baby Jane? als fürsorgliche ältere Schwester erscheinen lässt.

 

Die brave Schülerkleidung tragen Lara und Inam in den Farben Palästinas. Wer sagt, der Schulmädchenreport dürfe nicht in Ramallah spielen? Eine Prise politische Brisanz und von den süßen Sünden verruchter Schulmädchen dürfen nur Erwachsene kosten. Noch etwas krude Amateurpsychologie und eine überlange Altherrenphantasie lässt sich als kontroverses Drama ausgeben. »Leute tun alles mögliche«, sagt Lara einmal: »Manches ist freundlich und edel, anderes nicht. Ich bin nicht sicher, ob ich noch unterscheiden kann, was was ist.«

 

Ein Problem, das Jonathan Sagall augenscheinlich gut kennt. Statt intelligenter Kontroverse gelingen ihm lediglich banale Geschmacklosigkeiten, deren Provokation so aufgesetzt ist, dass sie in Albernheit verpufft. Ein Satz Inams zu Lara verweist verräterisch auf die profanen Intentionen des primitiven Melodrams: »Sex ist für mich das gleiche, was Alkohol für dich ist: ein armseliges Betäubungsmittel.«

 

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