Steinige Wege
Während Mark sich vor der Polizei versteckt, sind Nik und sein kleiner Bruder Ded (Cun Lajci) gezwungen, sich im Haus zu verbergen. Für wie lange weiß niemand. Bei einem Klassenkameraden Niks waren es Jahre. In der ersten Szene verrückt Nik die Marksteine auf Sokols Land. Unbewusst legt Mark, der ihn bei dem Auftrag beobachtet, die Steine seinem Sohn in den Weg. Die Folgen seines Streits bedenkt Mark nie. Dass der Konflikt auf dem Rücken seiner Kinder ausgetragen wird, kümmert ihn nicht. Marks Sturheit macht ihn unterschwellig zum Antagonisten Niks und der weiblichen Mitglieder beider Familien. Sie alle wünschen eine friedliche Beilegung. Der Ausbruch der seit Generationen schwelenden Landfehde trifft Nik, der mit seiner ersten Liebe und Wunschträumen von einem Internet-Café beschäftigt ist, so unvermittelt wie Rudina. An Stelle des Bruders muss sie im Familienunternehmen arbeiten. Die Aufgabe ermöglicht ihr die Flucht aus der traditionell unterdrückten Frauenrolle, die im ländlichen Albanien passiv und häuslich ist.
Fast unmerklich zeichnet The Forgiveness of Blood auf diese Weise auch ein differenziertes Porträt einer zwischen Fortschritt und Rückständigkeit zerrissenen Gesellschaft. Rudina, Sokols bedachtsame Cousine, und Niks Freunde verkörpern die Chance auf ein Abkehr vom Archaischen. Niks Weg hingegen ist verbaut. Um überhaupt eine Zukunft zu haben, muss er ihn in eine andere Richtung weitergehen. Dass Marstons Film diese Weg nicht auf gefällige Weise frei räumt, verleiht seinem engagierten Jugendfilm die Authentizität, die The Forgiveness of Blood besonders im Programm der Generations sehenswert gemacht hätten. Dort hätte er womöglich mehr Aufmerksamkeit erlangt als im Wettbewerb, wo er nur einen Randplatz im Programmplan gefunden hat.
