Die Zeit heilt niemals alle Wunden
Mechthild stand doch mitten im Leben. Keiner hatte die leiseste Ahnung. Für alle war es ein Schock. Ein mürrisches Mädchen blickt von einem alten Foto. Widerspenstig war Mechthild schon als als Jugendliche, auffällig. Der Rest bleibt unausgesprochen, doch er liegt auf der Hand. Das böse Kind muss ein böses Ende nehmen. So ist es, wenn ein Mensch »milieugeschädigt« ist. Das hässliche Wort wird in der Biografie Mechthilds zum entscheidenden Anhaltspunkt. Das schädigende Milieu war das familiäre und das kirchliche. Die beiden Kreise verschmolzen und schlossen sich um das kleine Mädchen. Mechthilds Mutter hatte eine Affäre mit einem Priester. Doch der Pater war mehr an ihrer Tochter interessiert.
Sexueller Missbrauch innerhalb der Familiengemeinschaft. Kein außergewöhnliches Geheimnis, sondern ein traurig geläufiges. Die Eltern wussten darum, doch es kümmerte sie nicht. Das hartnäckige Schweigen der Verwandten war der Nährboden des in immer monströsere Dimensionen wachsenden Unrechts. In alten Amtsberichten und Gutachten gelangt Jan Schmitt an die Grenzen des menschlichen Abgrundes, in den seine Mutter als Kind gestoßen wurde. Das Schuldgefühl fraß Mechthild Schmitts ganzes Leben. In Tonbandaufzeichnungen psychiatrischer Gespräche hört man die Stimme der Toten. Quälende Momente, die nicht mehr loslassen.
Wenn einer von uns stirbt geh ich nach Paris gibt Mechthild einen Teil ihrer Würde zurück. Sie selbst wagt als erste über das Verdrängte zu sprechen. Tagebuchauszüge und gestellter Szenen erzählen von dem lebenslangen, unermüdlichen seelischen Kampf, den sie nicht gewinnen konnte. »Kein Mensch kann dir das geben, was dein Herz sich wünscht. Kein Mensch kann dich so erkennen, wie du wirklich bist.«, begreift eine Schwester der Toten schließlich, viel zu spät für Mechthild, die sich das Leben nahm. Nur Gott könne einen wahrhaft erkennen, glaubt die Schwester weiter. Ihre Zuflucht in den Aberglauben ist umso niederschmetternder, weil der Missbrauch Mechthild von einem Kirchenvertreter angetan wurde. Zu dem Gott, der weggesehen hat, blickt Mechthilds Hinterbliebene nun auf. »Sollte ich noch einmal missbraucht werden, töte ich«, lautet ein Tagebucheintrag Mechthild Schmitts in Wenn einer von uns stirbt, geh ich nach Paris. Die Getötete war sie.
