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Freitag, 25. Mai 2012 | 04:43

DVD-Tipp: Wenn einer von uns stirbt, geh ich nach Paris

04.04.2011

»Gott schaute weg. Immer wieder.«

Von der Premiere am 16. November 2009 gelangte Jan Schmitts Dokumentarfilm Wenn einer von uns stirbt, geh ich nach Paris bis auf das Filmfestival »This Human World« 2010. Aufgrund der großen Nachfrage steht nun der DVD-Start bevor. Heute wird Schmitts Dokumentation in Hamburg in einer Sonderaufführung gezeigt. LIDA BACH ließ sich von der Tatsachengeschichte bewegen.

 

Niemand sollte es wissen. Nicht die Mutter, nicht die Kirche. Auch nicht Gott. Darin ist sich Mechthild sicher. Niemand interessierte sich für ihr persönliches Leid. Die heile Fassade ihrer Familie zu musste dringender geschützt werden als sie selbst. Nichts sagen, nichts verraten. Nur beten. Gott um Verzeihung bitten für die begangenen Sünden. Denn wer war die Sünderin, wenn nicht sie, Mechthild? Das kleine Mädchen hatte sich schließlich versteckt. Es lebte weiter im Körper einer erwachsenen Frau, die das Kindheitstrauma nie verwandt. Es ist Mechthild Schmitt, die Mutter des Dokumentarfilmers Jan Schmitt, der in Wenn einer von uns stirbt, geh ich nach Paris eine persönliche Spurensuche antritt.

 

Vor 15 Jahren nahm sich Mechthild Schmitt mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Ihr Selbstmord lässt ihren einzigen Sohn Jan nicht mehr los. Der Fernsehjournalist geht dreizehn Jahre nach dem Freitod den Weg zurück, welcher seine Mutter in den Tod führte. Sein bewegendes Filmdokument Wenn einer von uns stirbt, geh´ ich nach Paris erzählt von einem verleugneten Familiengeheimnis, kirchlicher Macht und stummer Grausamkeit. Niemand will es wahr haben. Bis heute nicht. Das erste Kapitel der Chronik eines angekündigten Todes erzählt von Verleugnung. Wie Kinder die Augen verschließen, um sich vor erschreckendem zu schützen, blenden Mechthilds erwachsenen Geschwister die einstigen Ereignisse aus. Die Kolleginnen, die Schwestern, nicht einmal die Freundinnen der Toten wollen etwas über mögliche Ursachen des Selbstmordes wissen.

 

Die Zeit heilt niemals alle Wunden

Mechthild stand doch mitten im Leben. Keiner hatte die leiseste Ahnung. Für alle war es ein Schock. Ein mürrisches Mädchen blickt von einem alten Foto. Widerspenstig war Mechthild schon als als Jugendliche, auffällig. Der Rest bleibt unausgesprochen, doch er liegt auf der Hand. Das böse Kind muss ein böses Ende nehmen. So ist es, wenn ein Mensch »milieugeschädigt« ist. Das hässliche Wort wird in der Biografie Mechthilds zum entscheidenden Anhaltspunkt. Das schädigende Milieu war das familiäre und das kirchliche. Die beiden Kreise verschmolzen und schlossen sich um das kleine Mädchen. Mechthilds Mutter hatte eine Affäre mit einem Priester. Doch der Pater war mehr an ihrer Tochter interessiert.

 

Sexueller Missbrauch innerhalb der Familiengemeinschaft. Kein außergewöhnliches Geheimnis, sondern ein traurig geläufiges. Die Eltern wussten darum, doch es kümmerte sie nicht. Das hartnäckige Schweigen der Verwandten war der Nährboden des in immer monströsere Dimensionen wachsenden Unrechts. In alten Amtsberichten und Gutachten gelangt Jan Schmitt an die Grenzen des menschlichen Abgrundes, in den seine Mutter als Kind gestoßen wurde. Das Schuldgefühl fraß Mechthild Schmitts ganzes Leben. In Tonbandaufzeichnungen psychiatrischer Gespräche hört man die Stimme der Toten. Quälende Momente, die nicht mehr loslassen.

 

Wenn einer von uns stirbt geh ich nach Paris gibt Mechthild einen Teil ihrer Würde zurück. Sie selbst wagt als erste über das Verdrängte zu sprechen. Tagebuchauszüge und gestellter Szenen erzählen von dem lebenslangen, unermüdlichen seelischen Kampf, den sie nicht gewinnen konnte. »Kein Mensch kann dir das geben, was dein Herz sich wünscht. Kein Mensch kann dich so erkennen, wie du wirklich bist.«, begreift eine Schwester der Toten schließlich, viel zu spät für Mechthild, die sich das Leben nahm. Nur Gott könne einen wahrhaft erkennen, glaubt die Schwester weiter. Ihre Zuflucht in den Aberglauben ist umso niederschmetternder, weil der Missbrauch Mechthild von einem Kirchenvertreter angetan wurde. Zu dem Gott, der weggesehen hat, blickt Mechthilds Hinterbliebene nun auf. »Sollte ich noch einmal missbraucht werden, töte ich«, lautet ein Tagebucheintrag Mechthild Schmitts in Wenn einer von uns stirbt, geh ich nach Paris. Die Getötete war sie.

 

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