Seelenkämpfe
Mickys Kämpfe sind innere. Das Leid über seine Niederlagen bereiten, verschließt er in sich. In einer wortlosen Szene zeigt Russel »The Fighter« allein nach einem verlorenen Kampf. Erst jetzt ertönt die Ringglocke. Wem die Stunde schlägt. Dass sie ihm schlägt, seiner großen Stunde, begreift Micky fast zu spät. Mehr als die eigenen enttäuschten Hoffnungen quält Micky, dass er die seines Bruders enttäuscht. Für ihn und Alice macht er sich wortwörtlich zum Prügelknaben, der im Ring zusammengeschlagen wird in Kämpfen, die keine sind – weil sein Manager und Bruder sogar Gegner aus höheren Gewichtsklassen stellt. »Ich bin derjenige der kämpft – nicht Du«, sagt Micky einmal. Doch es ist kein Ausbruch wie Marlon Brandos fundamentales »I could have been somebody« in Die Faust im Nacken. Nur ein schwaches Aufbegehren, auf welches später unweigerlich »Du bist mein Held, Dicky« folgt. Obwohl Poster, Synopsen und die Reihenfolge der Credits anderes suggerieren, ist Wards Karriere im Grunde nur ein Nebenstrang der Handlung.
Russels Biopic erzählt nicht die Geschichte eines Protagonisten, sondern einer dysfunktionalen Familie und der psychischen Mechanismen, welche die Figuren aneinander binden. Russels Rückbesinnung auf die ursprüngliche Hauptfigur gegen Filmende wirkt beinah pflichtschuldig. Als habe sich der Regisseur auf einmal erinnert, welcher Protagonist der Berühmtere ist. Doch es sind nicht immer die berühmteren Namen, hinter denen sich die interessanteren Biografien verbergen. Mark Wahlbergs zurückhaltendes Spiel zeugt von seinem Verständnis für Russels fast instinktive Verschiebung des Handlungsfokus.
Dickies Satz zu Beginn, der seine Egozentrik zu besiegeln scheint, verweist auf dessen emotionale Rückkehr zu Selbstrespekt anstelle von Egozentrik, zu einem Minimum an Anteilnahme am Leben anderer. The Fighter zeigt ein doppeltes Comeback: ein sportliches und ein menschliches. »Wir sind zwei sehr unterschiedliche Kämpfer«, sagt Dicky zu Beginn. Ihren schauspielerischen und dramaturgischen Kampf verdankt The Fighter den filmischen Sieg.