Cry Wolf
In puncto Lebenserwartung stehen Werwölfe Vampiren in nichts nach. Auf einer »700 Jahre alten Legende« basiert Catherine Hardwicks Rotkäppchen-Verfilmung angeblich, obwohl Charles Perraults Le Petit Chaperon Rouge und dessen abgemilderte Variation der Gebrüder Grimm kaum halb so alt sind. Ein kuscheliger Werwolf ist viel besser als ein totkalter Vampir im tiefverschneiten Tann, der vage dem hiesigen Schwarzwald entsprechen soll. Statt vom europäischen Mittelalter ist das computergenerierte Szenario von Schneekugeln inspiriert, die Hardwicke vermutlich irgendwann als europäisches Souvenir mitgebracht wurden. Und ein Ort, der »Schwarzwald« heißt, muss verdammt finster und gruselig sein, dachte sich Hardwicke wohl.
Doch Red Riding Hood ist mehr als eine unfreiwillig komische Teenager-Romanze für die Jacob-Fraktion unter den Twilight-Lesern, übervoll mit bizarren Accessoires (braune Kontaktlinsen für Julie Christie) und absurden Requisiten (drei Worte: riesiger heizbarer Metallelefant). Spätestens seit Tex Averys Rotkäppchen-Cartoons ist die psychologische Interpretation des Märchens nahezu Allgemeinwissen. Perraults erotische Suggestivität und parodistische Mahnung zur Tugend passten die Gebrüder Grimm der bürgerlichen Moral an. Hardwickes Kinoadaption verschärft die reaktionäre Moral und untermauert sie mit einem kruden Konzept christlicher Strafe, sozialen Gehorsams und Sexismus.