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Freitag, 25. Mai 2012 | 04:47

Walt Disneys "Aristocats"

19.05.2011

Adel verpflichtet

Ein würdigeres Denkmal als Aristocats hätte sich Walt Disney kaum setzen können. Der letzte Film, den Disney vor seinem Tod 1966 absegnete, führt heute ein Schattendasein im Kanon der Zeichentrickklassiker. Wenige haben ihn gesehen, noch weniger von ihnen haben Lust, ihn ein zweites mal anzugucken. LIDA BACH hat es dennoch getan.

 

Kein anderer Disney-Klassiker vereint mehr Widersprüchliches. Die Entführung der reinweißen Hauskatze Duchess und ihrer Jungen durch einen schurkischen Bekannten verweist auf 101 Dalmatiner. Die Romanze der Katzen-Lady und einem Kater-Tramp nimmt sinnbildlich und dramaturgisch Susi und Strolch vorweg. Das letzte Disney-Projekt ist das erste der Walt Disney Productions. Disney war vier Jahre zuvor verstorben. Sein Geist indes lebt in Aristocats weiter. Hier werden die sozialen, sittlichen und ethischen Parameter, die Markenzeichen des Studios, komplett bedient. Den Plot dominieren eisernes Klassendenken, Sexismus, rassistische Stereotypen und ein reaktionäres Gesellschaftsbild. Handlungsrahmen ist eine reale Epoche, deren negative Facetten in positive verkehrt werden. Das Zerrbild wird zum Ideal.

 

Mit Aristocats soll man über Missgeschicke und Negativklischees von Unterschichtskarikaturen spotten. Ihre Herkunft tragen Duchess und ihre Jungen Berlioz, Toulouse und Marie im Namen. Nomen est omen gilt auch für Adelaide Bonfamille. Die einstige Operndiva, bei der Duchess und die Kätzchen leben, stammt aus guter Familie und weiß die für Disney heiligen Familienwerte zu schätzen. Wer wie Adelaides Jugendfreund Georges Hautecourt »das hohe Gericht« im Namen trägt, ist Anwalt. Ein stolzer Bluthund darf Napoleon heißen, ein schmarotzender Mäuserich nur wie eine streng riechende Käsesorte. Ein »Edgar« hat Pech gehabt: Er muss Butler sein.

 

Katzenmusik

Adelaides Diener Edgar vereint Negativstereotypen en masse: diebischer Dienstbote, krimineller Ausländer und verkrampfter Brite unter vornehmen Franzosen. Sein versuchter Erbbetrug ist verwerflich, der kollektive Sahne-Diebstahl der Katzen nicht. Wer wie Duchess und ihr Nachwuchs zur Crème de la Crème der Gesellschaft gehört, verdient selbige auch zum Katerfrühstück. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

 

Letzte misst Aristocats mit zweierlei Maß. Als Armer die Oberschicht zu hintergehen, ist ein Verbrechen. Als verwöhnte Salonlöwen und Stubentiger einen Milchlieferanten zu bestehlen, ist legitim. Die adeligen Samtpfötchen sind zu zart zum Mäusefangen, dies beweist Duchess´ Freundschaft mit dem Mäuserich Roquefort. Dass Madame Bonfamille lieber Haustiere statt ihren langjährigen Angestellten begünstigt, wird als Freigiebigkeit dargestellt. Großzügig verteilt auch Duchess ihre Gunst. Die plumpen Komplimente des erstbesten Katers machen ihn in ihren »Augen wie Saphiren« zum idealen Vaterersatz für ihre Kinder. Wie die Mieze ohne Mann zu drei verschieden aussehenden Kätzchen gekommen ist, bleibt nebulös. Ebenso wie die Anziehung zwischen dem Katzenpärchen.

 

Klassengrenzen überschreitend ist die Liebe keineswegs. Ein »Tom« existiert im Grunde gar nicht. Es gibt nur »Abraham de Lacy Giuseppe Casey Thomas O'Malley the Alley Cat«, wie der Kater sich vorstellt. Der Name des Helden verweist indirekt auf vornehme Herkunft. Ähnlich seinem Hundependant Strolch ist der Kater nicht herrenlos, sondern frei und ungebunden. Er vertritt eine verarmte Adelsklasse, die sich durch eine Geldheirat sozial etabliert. Erlaubt ist der gesellschaftliche Aufstieg, von dem Edgar träumt, durchaus – solange er sich in den eigenen Kreisen abspielt.

 

Am ehesten erinnert man sich an Aristocats aufgrund der Musik. Stockt der Erzählfluss, beginnen Disney-Figuren meist in der Regel zu singen. In Aristocats wird ständig gesungen. Die einzelnen Handlungsstationen sind bloßer Cue für die nächste Gesangsnummer. Mehr braucht es nicht, behaupten die Songtexte, in denen sich – wie oftmals in Disney-Produktionen – tiefere Wahrheiten verbergen: Everybody´s picking up on that feline beat /´cause everything else is obsolete.


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