Hana, dul, sed (Österreich 2011)
16.06.2011
Kick it like Kim Jong-Il
»Sportler lasst uns in jedem Wettkampf die ideologischen, die Tempo- und die Technikschlachten schlagen!«, steht auf dem Banner in der Turnhalle. Ra Mi Ae hat sich in allen dreien gut geschlagen. Dafür hat der General der Profifußballerin den Orden mit der Nationalflagge beliehen. Das »Beliehen« legen der Spitzensportlerin die fehlerhaften Untertitel von Hana, dul, sed in den Mund. Sie zählen zu den Schwächen, die Brigitte Weichs Dokumentation über das nordkoreanische Frauennationalteam hintergründiger wirken lassen, als sie in Wahrheit ist. LIDA BACH über einen ungewöhnlichen Sportfilm.
Sportler, hört die Signale
Der Übersetzungsfehler klingt, als habe Ra Mi Ae »geliehen« sagen wollen. Als könne ihr Kim Jong-Il den Orden jederzeit wegnehmen. Vermutlich kann er das tatsächlich. Würde die junge Spielerin nicht überzeugt aufsagen, was vor dem ideologischen Hintergrund einer versteckten Warnung gleicht: »Wir müssen immer an den General denken.« Big Brother is watching you. Auf dem Spielfeld und womöglich auch im Kino – wenn Hana, dul, sed in Pjöngjang je läuft. Mit den hohen Erwartungen lastet ein ungeheurer Leistungsdruck auf den Sportlerinnen. Nach einer Niederlage im Qualifikationsspiel für die Olympiade spricht Ra Mi Ae von Schuldgefühlen. Weil sie versagt und ihr Volk enttäuscht habe. Das Spiel ist im kommunistischen Nordkorea ein politischer Kampf. Nach den Besten kommen nicht die Zweitbesten, sondern die Verlierer. Verlieren darf Ra MI Ae auf keinen Fall, besonders nicht gegen Japan. Wo die Japaner damals während der Besatzung die Landesehre verletzt und ihre Mutter beschimpft haben. Die Mutter, die Ra Mi Ae beschimpfte und der Tochter Fußball verbieten wollte, wohnte nun dank deren Sporttalent in einer eigens vom General genehmigten Stadtwohnung. Einem der tristen Betonblocks in den grauen Straßen, durch die Menschen in schlichter Berufskleidung laufen.
Das gezeigte Nordkorea fügt sich bedrückend akkurat in das Negativklischee eines kommunistischen Staats. Weder betont Weich diesen Eindruck, noch versucht sie ihn zu differenzieren oder ein komplexeres Alltagsbild zu erstellen. Das soziale Klima und Umfeld, welche die Protagonistinnen prägen, verbleibt im Hintergrund. In Großaufnahme strahlen nur die grellen Propagandaplakate, die an jeder Ecke zu hängen scheinen. Dass sie eine ähnliche Projektionskraft auf ihr filmisches und sportliches Publikum haben, ist den Spielerinnen bewusst. Ob es ihnen zuvor vorsorglich eingetrichtert wurde, bleibt unklar. Eine Lektion mussten fast alle der Profispielerinnen lernen. Mädchen spielen kein Fußball. Mädchen heiraten und gründen eine Familie. Wenn nicht sofort, dann sobald sie dem Land als Sportlerinnen nicht mehr nützen. Dies weiß auch der Manager des Teams, der die Frauen regelmäßig Haushaltsführung trainieren ließ. Filmisch hinterfragt werden die Rollenvorgaben nicht, die so zwingend sind, dass sich auch die Figuren darin fügen. Gegen ein System aufzubegehren ist gefährlich in der Diktatur, die aufrechterhalten wird durch eine Vielzahl kleinerer gesellschaftlicher und familiärer Diktaturen. Ra Mi Ae widersetzt sich einer von ihnen mit ihrer entschlossenen Ankündigung, nicht ihre Arbeit und ihr gesellschaftliches Leben in einer Ehe aufgeben zu wollen. So wie sie sich als Kind einer anderen widersetzt hat.
»Wie kann ein Mädchen nur Fußball spielen?«
Das habe sie sich gefragt, erinnert sich Ra Mi Aes Mutter. Lächelnd erzählt sie davon und Ra Mi Ae neben ihr lächelt mit. Auffällig oft lächeln die Spielerinnen, wenn sie Schmerzliches berichten, als würde Fröhlichkeit von ihnen erwartet. Damit alle sehen, wie glücklich die Menschen sind, denen es der Generals an nichts fehlen lässt. Reismahlzeiten zu Genüge hätten sie bekommen. Trotz der Rationierung. Rationiert behandelt auch „Hana, dul, sed“ die keineswegs auf Nordkorea begrenzte Instrumentalisierung des Sportes als ideologische Waffe und Überschneidungen von Sportbegeisterung, Nationalstolz und Nationalismus.
Der Reportage, deren Titel Eins, zwei, drei bedeutet, fehlt die Hintergründigkeit von Billy Wilders gleichnamiger Satire. Kommentarlos begleitet Weichs Kinodebüt die Protagonistinnen: in einen heruntergekommenen Zoo, dessen Tiere eingepfercht sind wie die Charaktere im ihrem beengten Dasein, und die prunkvollenU-Bahnhöfe. Auf den langen Rolltreppen wird die graue Außenwelt zu einem winzigen hellen Punkt. Kein Licht scheint am Ende des ideologischen Tunnels. Nur einmal schimmert es in Ra Mi Aes Augen, als sie über Fußball spricht. Wenn man das Feld betritt sei es als ob einem die ganze Welt gehöre und man in jede Welt eintreten könne. Ein Bruchstück der Welt, die ihr real verschlossen bleibt, hat sich die stille Rebellin im Geiste erkämpft. Der einzige Sieg des ambivalenten Sportfilms ist bitter.
Titelangaben:Hana, dul, sed - eins, zwei, drei (Österreich 2010)
R: Brigitte Weich, Karin Macher
B: Brigitte Weich, Karin Macher
K: Judith Benedikt
S: Michaela Müller
M: Cordula Thym, Julia Wibmer, Johanna Moder
P: Ri Filme
D: Ra Mi Ae, Ri Jong Hi, Jin Pyol Hi, Ri Hyang Ok u. a.
98 Min.
Real Fiction Filmverleih
Kinostart: 9. Juni 2011 Mitreden:| artikel weiterempfehlen| mail an den rezensenten / die redaktion
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