Henkersmahlzeit
Der Kannibalismus ist überdeutliche Metapher für das Gesellschaftsprinzip von Fressen und Gefressenwerden. Die familiären Reaktionen auf den Tod des Vaters spiegeln nicht Trauer, sondern Existenzangst. Den Gedanken, dass Überleben anders möglich sein könnte, lassen sie nicht zu. Die Befriedigung der eigenen Triebe, Hunger, Lust oder Zorn, hat Vorrang. Die Familienmitglieder provozieren, erniedrigen und manipulieren einander. Die Prostituierten verfolgen die Mörder aus Rache, die Polizeiangestellten, um befördert zu werden. Die gegensätzlichen Gruppen von Respektspersonen und Diskriminierten, Gesetz und Kriminalität, welche sie repräsentieren, eint ihre Skrupellosigkeit. Ein Ermittler fühlt sich geschmeichelt, als die Prostituierten ihm eine Minderjährige, »etwas für Staatsmänner«, anbieten. Eben fantasierte er noch davon, den Präsidenten zu treffen, nun darf er sich selbst wie einer fühlen.
In den schäbigen Straßen und Häuserblocks sind die Hauptfiguren nicht die einzigen Menschenfresser. Beiläufig sieht man Sabina einmal hinter einem Imbissstand stehen, neben dem Soldaten hungrig die angebotene Fleischbrote verzehren. Eine unscheinbarer Moment ähnlich dem in Texas Chainsaw Massacer, der die Figuren beim Kauf von Essen zeigt, von Leatherfaces Verwandten, denen sie später in die Hände fallen. Sinkt Patricia auf einer Kinderrutsche in sich zusammen, symbolisiert ihre Position kindliche Auslieferung. Für sie ist das Spiel aus. Doch dass einer ausscheidet, beendet es nicht.
Die Prostituierten umringen Patricia gleich Treiberameisen, denen ein Fressfeind vorgefallen ist. Die Art ihrer Rache verschluckt die Nacht. Unersättlich ist das Zwielicht von Graus Inszenierung, das die faszinierenden Charaktere vor Mitgefühl und Anteilnahme versteckt, Türen symbolisch hinter ihnen schließt und sie im Zwielicht lauern lässt. Dort späht ihr Raubtierblick weiter nach Beute, geleitet vom Glauben an das Unabänderliche der eigenen Existenz: Somos lo que hay - Wir sind was wir sind.