Kriegspropaganda à la Disney
Parallel zur physischen Anpassung der Figur verläuft die moralische Umformung ihrer Geschichte. Der Dieb von Bagdad ist in der Disney-Version der Robin Hood von Agrabah, der seine Beute Waisenkindern gibt und die gelangweilte Jasmin als tollkühner Gesetzloser beeindruckt. Das arabische Volksmärchen ist eine Variation des klassischen Motivs vom Außenseiter, der den Mächtigen, die ihn instrumentalisieren wollen, um einen Wundergegenstand zu erlangen, trotzt, indem er seinerseits die Wunderwaffe einsetzt. Sie ermöglicht das Übertreten gesellschaftlicher Norm, die Rebellion gegen Obrigkeit und den Sieg des Underdog und (Anti-)Helden. Aladdin ersetzt die dem klassischen Disney-Konzept zuwiderlaufenden Aspekte durch eine konservative Moral. Die Wunderlampe erinnert an W. W. Jacobs Die Affenpfote, die Wünsche mit fatalen Konsequenzen für den Wünschenden erfüllt.
Die ungewollte Folgen sind die indirekte Strafe für die Sehnsüchte, die sie motivieren. Das Überschreiten von sozialen, hierarchischen und lokalen Grenzen, dass die Figuren anstreben, erscheint doppelt verwerflich, weil es auf »unlauterem« fantastischem Wege erfolgen soll. Die Strafen für den Ausbruch Jafars, Aladdins und Jasmins aus ihren vorgegebenen Rollen sind paradigmatisch: Jafars Machtwunsch macht ihn zum unfreien Diener fremder Wünsche. Jasmins Versuch, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen, kostet sie fast diese, ihre Selbstbefreiung fordert Aladdins Freiheit. Versucht Aladdin Jasmin als Prinz verkleidet zu gewinnen, verliert er sie an dieses selbstkonstruierte Scheinbild. Die Hochzeit beider ermöglicht erst die Sanktion durch die elterliche und staatliche Autorität des Sultans.
Bezeichnenderweise fällt Disneys Orientalismus in die Zeit des Golfkriegs. Aladdin scheint der Studio-Beitrag zur Kriegspropaganda zu sein: ein dynamischer jugendlicher Kämpfer an der Heimatfront, der potentiellen zukünftigen Rekruten spielerisch vor Augen führt, wie lustig es im Feindesland sein kann, wenn es erst amerikanisiert ist. So geht es zu in dem »exotischen« Land, in das der Kinderfilm entführt: Dinsey-Land. Mit den Worten des Titelsongs: »It´s barbaric - but, hey, it´s home!«
