Das Leitthema von Lady and The Tramp ist die Unzuverlässigkeit fürsorglicher und romantischer Liebe, das einen zartbitteren Unterton in diese sentimentale Ballade bringt. Ladies und Tramps Lebensläufe entspringen weit entlegen voneinander, verlaufen unterschiedlich und fließen dennoch nahtlos ineinander, um in einen gemeinsamen zu münden. Die im Disney-Kanon ungewöhnliche dramaturgische Parallele trübt die Handlung nicht, sondern macht sie noch klarer und lässt tief blicken auf die zugrundeliegenden Moralformeln. Lady and The Tramp erzählt eine doppelte Parabel von Domestizierung, einmal als Tragödie, einmal als Komödie.
Tramp: »Look, there's a great big hunk of world down there, with no fence around it. Where two dogs can find adventure and excitement. (…) And it's all ours for the taking, Pige.«
Lady: »But who'd watch over the baby?«
Ladys Horizont endet hinter dem vornehmen Anwesen ihrer Besitzer. Auf jedes schüchterne Aufbegehren folgt eine entsprechende Strafe. Für die verbalen Klagen erhält sie einen Maulkorb, auf der Flucht vor dem Zwang wird sie von Straßenhunden verfolgt, nach dem Tag in Freiheit wird sie vom Hundefänger in einen Käfig gesperrt und daheim an die Hundehütte - sinnbildlich an das Haus - gekettet. Ihre Fügung in die tierische Reinkarnation des angel in the house durch die Familiengründung mit Tramp gleicht Resignation.
Tramps Domestizierung verdeutlicht seinen sozialen Aufstieg, seine Reife vom unbekümmerten Junggesellen zum verantwortungsvollen Familienoberhaupt und sein verdientes Zur-Ruhe-Kommen, nachdem er sich auf der Straße durchschlagen musste. Die Freiheitsluft, die Tramp schnüffeln durfte, ist Lady verwehrt, statt eines Babys muss sie fünf bewachen und ihr Einzelstatus ist unwiederbringlich verloren. Das Happy End ist Tramps Belohnung und Ladys Strafe. Ihr versagt die Handlung die amourösen Erfahrungen Tramps, der sich mit Lulu, Fifi, Trixie, Rosetta und Peg austoben konnte. Ihm wird freimütig die Doppelmoral einer bigotten Oberschicht zugestanden, die Affären männlicher Angehöriger mit der Unterschicht verzeiht, die für eine tugendsame Standesangehörige beendet werden.