Beredtes Zeugnis
Deutlich wird bei der Auswahl die Affinität des Animationsfilms zur Komik. Selbst wo eine, oft sehr schlichte, ernste Aussage zugrunde liegt, gelegentlich ausformuliert wie die »Moral« in der Fabel, wird auf komische Pointen nicht verzichtet, für die Tricktechniken eine gute Voraussetzung liefern. Der Animationsfilm erlaubt »schwarzen Humor«, der im Realfilm – zumal von kirchlichen Bewertungskommissionen – als »geschmacklos« verdammt wurde. Körperliche Versehrung und folgenlose Brutalität gehören zum Genre. Auch der Surrealismus hat im Animationsfilm seine Spuren hinterlassen – am auffälligsten vielleicht bei Jan Lenica, einem Giganten des Genres, eigentlich Pole, der aber auf der DVD mit einem Film vertreten ist, den er in Deutschland produzieren konnte.
Am Ende der Folge steht ein abendfüllender Film, der, mit den Stimmen prominenter Schauspieler und zeichnerisch eher konservativ, die biblische Geschichte von Joseph und seinen Brüdern erzählt. Es ist ein kurioser Film mit seiner verquälten Haltung dem Judentum gegenüber und seinem halbherzigen Bemühen, das Alte Testament zugleich umzusetzen und zu ironisieren. Doch gerade dieser Film, der nur dreißig Jahre auf dem Buckel hat, aber ziemlich verstaubt wirkt, legt beredtes Zeugnis ab über die Stimmung in Westdeutschland, als das Jahr 68 schon fast wieder vergessen war. Von Experiment ist da kaum noch etwas zu spüren. Und wenn der Pharao die Juden nach Ägypten einlädt, damit sie die dort unbekannte Viehzucht einführen, und das damit kommentiert wird, daraus ließe sich etwas für die Gegenwart lernen, dann ist das schon ein Höhepunkt aktueller Kritik. Ästhetisch bedeutet Shalom Pharao einen gewaltigen Rückschritt gegenüber Helmut Herbsts anderthalb Jahrzehnte älteren Sechs-Minuten-Film Schwarz-Weiß-Rot. Die DVD macht es möglich, sich davon zu überzeugen.
