Midnight in Paris
01.09.2011
Wenn es Nacht wird in Paris
»Nostalgie ist Verdrängung. Ein Makel in der romantischen Fantasie von Menschen, denen es schwer fällt, mit der Gegenwart fertig zu werden«, sagt Paul in Midnight in Paris. Aber Paul ist ein pedantischer Herr, sagt Carla Bruni, die in Woody Allens Romanze eine Touristenführerin spielt. Die Touristen sind Gil Pender, Allen und die Zuschauer; Flaneure auf den Boulevards der Dämmerung, in deren Zwielicht Sehnsucht und Zeit eine bitter-süße amour fou eingehen. LIDA BACH erlag dem filmischen Flirt mit dem Paris der Zwanziger.
»Golden-Age-Thinking« nennt Paul (Michael Sheen) das entrückte Ideal, welches Gil (Owen Wilson) von Paris als Kunstmetropole hat. Der Regisseur Gil steckt in einer Lebenskrise, weil er »es nie mit wahrer Literatur versucht hat.« Dabei liebten alle seine Filme, versichert die Mutter von Gils materialistischer Verlobter Inez (Rachel McAdams). Gil aber liebt eine Fantasie von Bohème und Künstlertum einer untergegangenen Epoche, und die Fantasie liebt Gil. So innig, dass sie ihn Schlag Midnight in Paris in ihre Arme und ein seltsam neues altes Taxi lockt.
Die Party, zu der Zelda (Alison Pill) und Scott (Tom Hiddleston) unterwegs sind, ist schon lange ausgetanzt. Doch das kümmert Gil nicht, als er Ernest (Corey Stoll) trifft, der das Manuskript, an dem Gil arbeitet, Gertrud (Kathy Bates) zeigen möchte, bei der gerade Pablo zu Gast ist. Über Scott, Ernest, Gertrud und Pablo ist die Zeit hinweggegangen, nicht aber über ihre Werke. All die Nebencharaktere tragen prominente Nachnamen: Fitzgerald, Hemingway, Stein, Picasso. Wer unter ihnen nicht durch Kunst überdauert, klammert sich mit verzweifelter Eifersuchtsliebe an sie wie Zelda, die ihr tragisches Schicksal in einem Stakkato prophezeit: »Verdutzt. Verblüfft. Narkotisiert. Lobotomisiert.«
Eine kleine Nachtrevue
Künstler treten in Midnight in Paris in Schwärmen auf. Gil schwärmt für sie und mit ihnen durch die Nacht, geblendet von ihrem Licht, sei es das von Sternen wie T. S. Eliott oder von Glühwürmchen wie des Modells Ariana (Marion Cotillard).
In Ariana verliebt sich Gil mit der sentimentalen Nostalgie, mit der er in die Ära vernarrt ist, welche die Künstlermuse für ihn verkörpert. Nostalgie bezeichnet ursprünglich Heimweh, das so schmerzlich ist, dass es einen krank macht. Die Liebe zum Vergangenen entspringt dem Gefühl der Verlorenheit in der eigenen Zeit. Ist das Hier und Jetzt kein zu Hause, muss es das Damals sein, glaubt auch Ariana. Denn die Sternennacht auf dem Kinoplakat ist keine gewöhnliche, sondern die »Sternennacht« Vincent van Goghs. Der erscheint nicht im nächtlichen Paris, dafür aber Henri de Toulouse-Lautrec, Paul Gaugin und Edgar Degas. Zu ihnen hat Gil, Ariana und Allen eine Kutsche gebracht: mitten in die Belle Epoque. Dass diese für jeden Menschen eine andere ist, erkennt da schließlich auch Gil, der die Goldenen Zwanziger genauso idealisiert wie Ariana das Goldene Zeitalter und ihre Idole aus jener Ära die Renaissance
Wehmütig und bitter-süß ist der Charme von Allens Romanze, die nicht von der Liebe der Charaktere handelt, sondern der Liebe zu etwas Abstraktem, das mehr Wunschfantasie und Illusion als Historie ist. So weit kann es kommen, wenn ein aspirierender Künstler nicht genug Inspiration hat, um ein Werk von Bedeutung zu schaffen, sei es ein Buch, ein Gemälde, ein Film oder ein Sofa in Form der Lippen Mae Wests. Doch zu Gils Glück muss man der Muse nicht folgen, es reicht von ihr geküsst zu werden – so wie es Allen widerfuhr.
Titelangaben:Midnight in Paris (USA 2011)
R: Woody Allen
B: Woody Allen
K: Darius Khondji
S: Alisa Lepselter
P: Letty Aronson, Stephen Tenenbaum, Jaume Roures
D: Owen Wilson, Rachel McAdams, Michael Sheen, Marion Cotillard, Adrien Brody, Nina Arianda, Kathy Bates, Kurt Fuller, Tom Hiddleston, Mimi Kennedy, Alison Pill, Corey Stoll, Lea Seydoux
94 Min.
Concorde
Kinostart: 18. August 2011 Mitreden:| artikel weiterempfehlen| mail an den rezensenten / die redaktion
Weitere Beiträge:| Men in Black 3 - jetzt im Kino!| Ecce Homo. Un Portrait de Célestin Deliège. Un film de Guy-Marc Hinant & Dominique Lohlé. | Abel Gance: Napoleon/Austerlitz. Glanz einer Kaiserkrone| Polizeiruf 110: Bullenklatschen (MDR), 20. Mai| FUCK YOU. Fucking Noise in China now! A film by Guy-Marc Hinant & Dominique Lohlé| Polzeiruf 110 (BR) - Schuld (29. April)| Peter Weiß: Filme| Polizeiruf 110 (RBB) - Die Gurkenkönigin (15.04.2012)| Die singende Stadt. Calixto Bieitos Parsifal entsteht| Shadows in Paradise. Hitler´s Exiles in Hollywood
|
Götter verstehen keinen Spaß
Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...
Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!
Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und 20 Jahren ...
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
Mathias Tretter möchte nicht dein Freund sein - Tourplan 2012
»Kabarettisten sind von der schnellen Truppe, zumal solche wie Tretter, die nicht dem allfälligen Comedy-Genre anhängen, sondern richtiges, politisches Kabarett machen ...« ...
No sleep till Pixel
Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...
|