Globales Wasteland
Lässt er Landwirte und Bauern aus den USA, Deutschland und Kamerun die Absurditäten der Lebensmittelnorm aufzeigen, die Tomatenfarben per Scanner kontrolliert, Kartoffelgröße und Gurkenkrümmung bestimmt, ist Taste the Waste ebenso alarmierend, wie wenn er die systematische Enteignung der Kleinbauern in Drittweltländern anprangert, die von internationalen Großkonzernen zu unterbezahlten Arbeitern auf ihren Plantagen gemacht werden. Die Überflussgesellschaft steht nach den von Müllforschern und Lebensmittelproduzenten erhobenen Fakten mit einem Bein im Dreck und dem anderen auf einer rutschigen Bananenschale. Und selbst die könnte man noch zur Energiegewinnung verwenden, rein biologisch versteht sich. 50 Prozent der Nahrungsmittel werden weggeworfen, allein in Deutschland über 10 Millionen Tonnen im Jahr, deren entweichendes Methangas die Erdatmosphäre zerfrisst.
Die Zusammenhänge von Marktwirtschaft, Lebenskosten und Armut, nicht nur in der Dritten Welt, übergeht die ambitionierte Reportage in ihrem naiven Idealismus. Die Lösung liegt scheinbar so nahe auf New Yorker Dachgartenfarmen, in Biogas-Anlagen und den Esstischen der Tafel. Speisereste kann man nicht nur an Schweine verfüttern, so wird impliziert, sondern an sozial Unterprivilegierte. Für die meisten von ihnen ist der Filmtitel Alltagsrealität. Im Discounter kaufen nicht nur Junk-Food-Junkies, sondern Menschen, die finanziell dazu gezwungen sind. Wer die Angebote der Tafel und Sozialläden aus eigener Erfahrung kennt, sortiert die Erdbeerschale mit der matschigen Beere und die Käsepackung mit der kürzesten Haltbarkeitsfrist nicht aus reiner Pingeligkeit aus; weil das Obst meist schon im Regal vor sich hinfault, die unterste Brotscheibe regelmäßig angeschimmelt ist und nach drei Tagen schwarze Käfer aus der Mehltüte krabbeln. Ja, »Dumpster Dining«, zu dem Taste the Waste einlädt, ist eine nette Abwechslung zum Bioladen und Qualitätsgeschäften – für diejenigen, die sich den Einkauf dort leisten können.
Und dass man in eine Mülltonne klettert, heißt nicht, dass man sich dort benehmen kann, wie man will. Es gibt Regeln: Nimm nie mehr als du brauchst. Hinterlasse den Müll so sauber, wie du ihn vorfinden möchtest. Die wichtigste Regel verschweigt Thrun: Lass Dich nicht erwischen. Sonst kommt das Dreckdinner die Mülltonnentaucher teuer zu stehen. Einbruch, Diebstahl, Hausfriedensbruch. »Free Food« schreibt Thurns filmischer Appell, dem es bei aller Relevanz und Aktualität zu oft an Transparenz mangelt, in einem Epilog auf einen Müllcontainer. Eine zynische Pointe für alle, die gewohnt sind, mit den Resten der Wohlstandsgesellschaft abgespeist zu werden.
